Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

bescher werden, dagegen war dem Adel erlaubt, auchBauerngüter zu besitzen und zu bewirthschaften, Guts-pachtungen zu übernehmen, Handelschaft und jedesandere beliebige bürgerliche Gewerbe zn betreiben. ImBauernstände wurde durch jede mögliche BegünstigungLiebe zum Vaterlaudc geweckt; der Bauer hörte auf,Unterthan seines Gutsherrn zu sein, er wurde Staats-bürger; die früheren Leistungen wurden, wo dieß irgendanging, ablösbar gemacht, und dieß alles wirkte invorher nicht geahnter Weise auf den Volksgeist ein,und bereitete den begeisterten Aufschwung vor, den dieBefreiungskriege zeigten. Und dieß war das erhabeneZiel, welches dem edlen Freiherr» vom Stein vor-schwebte. Wie der Bauernstand mit Glück geistig zuheben versucht wurde, so auch der Bürgerstaud. Eineallgemeine Städte-Ordnung, welche von Königsbergaus erlassen wurde, gab dem preußischen Bürgerthumwieder innern Halt; gute alte Einrichtungen, welchedie Zopfzeit verdrängt hatte, wurden erneut; auch dasSchützenwcsen ward ebenfalls neu belebt: die Schützen-gilden wurden wieder, was sie im Mittelalter gewesen,Mannschaften des Schutzes, nicht blos deS Schießenszum Vergnügen. Dadurch, daß jede Stadt in ihrenSchützen eine aus ihren besten Bürgern gebildete Wehr-kraft gegen plötzliche Noth und Gefahr in ihren Mauernbesaß, die, soldatisch geübt, ordnungvoll wirkte, wurdendem Staate Millionen für soldatische Besatzungen undPolizeimanuschaftcn erspart; die Schützengilden kostetenhöchstens einmal eine Fahne, ein Kleinod, ein anerken-nendes königliches Schreiben. Stciu's immer wachesAuge blickte noch weiter unter seiner Acgidc be-gründete sich in Königsberg, vom Könige bestätigt, derTugend bund, der bald über das ganze Königreichund bis nach Westphalen nud Hessen seine Verbin-dungen schlang. Er war weit verschieden von seinerziemlich verunglückten, obschon treu gemeinten Nach-ahmung im Jahre I8ä9, die mit halbmaurerischenFormen und einem über die Maaßen mangelhaftenStatut hervortrat, um bald genug wieder in ihr Nichtszurückzufallen. Auch dieser Bund hatte die Aufgabe,vor allem Treue dem Könige und seinem Hause,Stärke im Dulden, Muth im Hoffen, Weckung des

Bürgcrsinnes, Beseitigung schroffen spaltenden Fern-haltens zwischen dem Nähr- und Wehrstandc dasaber stets wiederkehrt, sobald die Gefahr vorüber istund die Verbrüdcrungsfeste verrauscht sind. Demargwöhnischen Späherblick des Zwinghcrrn und seinerSchergen entging die Bewegung nicht, die sich in Preußen regte, es entging ihr die Wirkung nicht, welche derTugcudbund übte. Der Freiherr vom Stein, obschoner als Mitglied des Tugendbundes gar nicht genanntwurde, galt, zudem durch einen in Feindeshändc ge-rathenen Brief verdächtigt, dem französischen Cabiuctals Haupt jener Bewegung und dieses Bundes undwurde von Napoleon geradezu geächtet. Dieß hatteStein's Austritt aus dem Ministerium zur Folge undführte die Aufhebung des Tugendbundcs durch könig-lichen Befehl herbei. Die Form, ohnehin keine feste,konnte fallen, der Geist blieb lebendig und that sichdann in den Befreiungskriegen durch einen Heldcnstnnkund, von dem die Geschichte nicht viele Beispiele zählt.Kriege und Siege brachten auch den Freiherr» vomStein wieder an eine für ihn geeignete Stelle, er tratan die Spitze der «deutschen Centralbehörde», derenEinrichtung die Zeitverhältnisse nöthig gemacht hatten,und wirkte eifrig in deren: Dienst. Nach völlig her-gestelltem Frieden und nach Beendigung des WienerCongrefses nahm Freiherr von: Stein auch an denWissenschaften lebhaften Antheil und begründete zuFrankfurt den Gclehrteuverein zur Erforschung deutscherGeschichte und Herausgabe von Quellenwerken, für dener d:e Unterstützung aller deutschen Bundesregierungenin Anspruch nahm, welche auch durch viele Jahre ge-währt wurde, wodurch es möglich ward, die genanntenWerke in großen und sehr theuern Prachtausgaben,die leider fast nur fürstliche Privat- und reich begabteöffentliche Bibliotheken sich anschaffen können, erscheinenzu lasse». Später zog sich Freiherr vom Stein aufseine Güter zurück, wurde aber zum Landtagsmarschallvon den westphälischen Provinzen ernannt, und beschloßdort, wo er sie recht eigentlich begonnen, seine erfolg-reich wirksame, nach vielen Richtungen hin förderndeund anregende Laufbahn, die ihm unvergänglichen Nach-ruhm schuf.