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2 (1894) Charakteristiken
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mußte, keimte und gewann von Tag zu Tag mehr Herr-schaft über ihren Geist. Endlich, nachdem ein erster Ver-such durch Freundesbemühuugen vereitelt worden, gelanges ihr, den verhängnisvollen Plan auszuführen. Halbtotaus den Fluten des Rheins gezogen und ins Leben zu-rückgerufen, kämpfte sie iu wildem Heroismus beharrlichgegen alle Sorgfalt des Arztes und errang oen Sieg. Siestand genau iu dem Alter, welches ihr Vater erreicht hatte,als ihn der Kultns der Freiheit zum Tode trieb.

Ihre letzten Briefe an Jean Paul erinnern, zuweilenin wortlicher Übereinstimmung, an die letzten Schriftenvon Adam Lux. Zweifellos muß die Anlage zur Ucber-schwenglichkeit und Hingebuug, welche das väterliche Blutin ihre Nderu hinübergeleitet hatte, an der heimlichen Ge-walt, die ihr Dasein beherrschte, einigen Anteil gehabthaben. Das Andenken ihres Vaters, dessen edles Blutauf fremder Erde in einer Umgebung von sagenhaft ge-wordenen Ereignissen vergossen war, hatte gewiß nichtwenig dazu beigetragen, den Keim des ererbten Tempera-ments zur Entfaltuug zu briugen. Da ich die Menschenund Dinge in keinem anderen Interesse als in dem derWahrheit studiere, habe ich mich nicht gescheut, neben Lux'sBild das seiner Tochter zu stellen, obgleich mir wohl be-wußt ist, daß das Geschick derselben das Urteil der Nach-welt über ihn leicht zu trüben vermöchte. Wenn uns in-dessen die genaue Kenntnis seines Lebens und seinerSchriften dahin führt, anzunehmen, daß er mit großerUeberschwenglichkeit des Gefühls, wie sie übrigens seinerganzen Zeit eigen war, ein ehrliches Herz, eine auf Gründegestützte und, alles in allem genommen, ziemlich vernünftigeUeberzeuguug vereinigte, so ermächtigt uns ein eingehendesStudium des Lebensganges seiner Tochter vollkommen,dieselbe vielmehr als von übergroßem Idealismus verzehrt,