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2 (1894) Charakteristiken
Entstehung
Seite
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dem ein geniales Gehirn entsteht, spielt eine große Rolle inder Welt, und kein Satz ist falscher, als daß es keine un-ersetzlichen Menschen gebe.

Nun sind nur freilich abgekommen vom Gegenstandunserer Betrachtung; denn wie hoch oder niedrig er auchgestellt zu werden verdiene, ein Genie war Napoleon III. sicherlich nicht. Selbst zu der Annahme, daß er ein Menschvon mehr als gewöhnlicher Begabung gewesen, zwingt eherder Rückschluß aus seinen Schicksalen, als die Anschauungseiner Thaten. Bei dem geringen Grade von Wahrheits-liebe, welchen die Parteilichkeit der französischen Geschicht-schreibung aufkommen läßt, werden wir vielleicht niemalsausrichtige Rechenschaft aus dem Munde scharfer Beobachterempfangen, welchen tiefer Einblick in die Natur diesesMenschen gestattet war. Schon daß er ans diese Weisegeheimnisvoll bleiben konnte bis zuletzt, muß als ein Zeichengelten, daß er nicht der erste beste war.

Sein mütterlicher Halbbruder Mornu hat ihn wohl amgenauesten gekannt, denn er hat ihn vielfach geleitet.Rouher, der einzige Hervorragende unter den Würden-trägern, der den Meister überlebt, und der beinahe vonAnbeginn ihm zur Seite stand, wäre der Mann, vielleichteinmal in seinen Memoiren die Welt sattsam aufzuklären-denn er ist klug genug und, wo er die Emphase nicht ge-schäftlich sür nötig hält, auch kühl genug.

In den künstlerischen Kreisen von Paris , auch zn derdeutschen Welt nicht ohne Beziehnngen, lebte eine zartsiunigeFrau, welche als die beste Kcnuerin des verschwiegenenHerrn galt. Sie war die erste, sagt man, die das Herzdes Jünglings besessen, und sie behielt zeitlebens einen imbesten Sinn verwerteten Einfluß auf ihn. Viel vou dem,was man in vertraulichem Gespräch über ihu vernahm,stammt von ihr her. Auch sie ist wahrscheinlich tot: