ehrenvollste Zierde; Windthorst aber der lebendige Mittel-punkt des ganzen Getriebes, ein unerschöpflicher Stoff für dasVerständnis unserer Zeitgeschichte, wie für das Studiumparlamentarischer Methoden. Bedenke man nur das eine,daß noch bis auf den heutigen Tage darüber gestritten wird,ob er zu Bismarck gegangen oder Bismarck ihu gerufen (ichdenke! halb rief's ihn hin, halb ging er hin), und daß dieseBegegnung mit Windthorst dem Kaiser den Anstoß gegebenhaben soll, den Kanzler zu entlassen, während doch wenigeMonate darauf derselbe Kaiser denselben Windhorst, der diesAergernis gegeben haben sollte, mit den höchsten Ehren zurGruft geleiten ließ! liegt nicht in diesem Widerspruch einbis jetzt ungelöstes Rätsel eingeschlossen? Windthorstsgrößte Zeit war nicht die des Kulturkampfes, nicht die desoffenen Krieges mit Bismarck. Auf die Höhe seiner Ge-schicklichkeit kam er erst, als der Feind einzulenken und niitihm zu Parlamentären begann, nicht ohne die Absicht, ihnhinaus zu manövrieren. Von damals ab begann das feineSpiel, dessen Ende den Zentrumsführer als den Siegerund den großen Diplomaten als den Besiegten scheiden sah.Windthorsts Stärke lag in der organischen Verbindung vonKlugheit und Banalität. Er wagte möglichst wenig undsagte möglichst Unbedeutendes. Diese Banalität war nichtetwas Gewolltes, sondern durchaus Natur, wie alles seinmuß, was stark im Menschen wirken soll. Reden, die indie Breite wirken wollen, müssen immer mit einem Tropfenbanalen Oels gesalbt sein, denn der Mensch versteht gemein-hin nur das, was er bereits weiß, und ein gut Teil stetsvorrätiger Beredsamkeit beruht auf der Selbsttäuschung,daß nötig sei, etwas zu sagen, was zu sagen über-flüssig ist. Uebrigens redete Windthorst nicht aus Ehr-geiz, um Beifall zu ernten, sondern um seine Taktik
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