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„Lieber Freund, Sie werden doch dafür Sorge tragen, daßim neuen Hause jeder Abgeordnete ein Pult, ein Tintenfaßund eine verschließbare Schieblade an seinein Platz hat" —„Ja wohl", fuhr mit Entrüstung der Angeredete auf michein — „ja wohl, warum nicht gar? Wohl auch noch eineHängematte und eine Kaffeemaschine dazu?" — Beiläufiggesagt, ist mein Wunsch denn doch erhört worden. Diesealte preußische Zucht, die sür Sünde hielt, sich dasLeben leicht zu machen, hatte gewiß auch ihr Gutes, aberda wir das, was gut an ihr war, nicht mehr genießen, istes wohl gerecht, daß wir auch ihre Entbehrungen nicht mehrzu erleiden brauchen. Stoiker wie Hoverbeck waren die zweianderen Führer des Forlschritts, Franz Duncker und FranzZiegler, nicht im geringsten, aber als Charakterköpfe thatenauch sie reichlich ihre Schuldigkeit; Franz Duncker mit demprächtigen Bart und Haupthaar eines ?srs stsrnsl, wie diefranzösischen Maler die Modelle sür Gott Vater nennen,und Franz Ziegler mit dem glattrasierteil Antlitz des acht-zehnten Jahrhunderts, jenes von wohlfeilem Pathos triefend,dieses stillvergnügt mit den sardonisch verzogenen Lippenschmunzelnd, beide recht eigentlich demokratische Epikuräer.
Manche andere Gestalten noch steigen auf aus denersten Tagen jener Jahre des Anfangs; ich lasse sie schweigendan mir vorüberziehen. Nur drei der neuesten Zeit drängensich noch unwiderstehlich in den Vordergrund. Bismarck,Moltte, Windthorst, die drei, die man jedem Fremdlingzuerst zeigte, wenn er kam, das lebendige Panoptikuni desReichstages in Augenschein zu uchmen. Gestehen wir's uns:sie haben bei weitem das Interessanteste des ganzen In-ventars mit sich hinüber genommen. Der Kanzler aller-dings war schon eine Seltenheit geworden, lange ehe ersich zum Abgeordneten wählen ließ, um desto sicherer zuverschwinden; Moltke blieb bis auf den letzten Tag die