- 220 —
Bei der Beratung des Postgesetzes hatte ich vor-geschlagen, daß man zur Bequemlichkeit des Publikums dieFreimarken nicht bloß an den Postschaltern, sondern michin gewissen Kramläden verkäuflich mache, wie dies in Eng-land und Frankreich der Fall sei. Aber da kam ich schönan. Dem frugalen ostpreußischen Landwirth erschien dieserAntrag auf Verweichlichung der briefschreibenden Menschheitwie elender Sybaritismus, uud er zerschmetterte mich untereiner verachtungsvollen Strafrede. Aehnlich war es mirschon etliche Zeit vorher sogar mit einem nahen Freund,dem Abgeordneten von Unruh, ergangen. Zwar war auch erallerdings ein Kind des hohen Nordostens, aber doch einvielgereister Lebemann heiterer Sinnesart, bei dem ich so übelanzuprallen noch weniger vorbereitet war. Das spielte gleich-falls im Jahre 1871, als der Reichstag seine Sitzungennoch im jetzigen Hause der Abgeordneten auf dem Dönhoffs-platze hielt. Damals wurde beschlossen, das provisorischeGebäude in der Leipziger Straße zu errichten, welches wirjetzt noch bewohnen und welches, wie über Nacht, in einereinzigen Sessionspause vou Gropius hervorgezaubert, sichso vortrefflich bewährt hat, daß man wird froh sein dürfen,wenn der Prachtbau am Königsplatz an innerer Zweckmäßig-keit nicht hinter ihm zurückbleibt. Unruh als Fachmannwurde Mitglied der Baukommission. Und nun glaubte ichihm etwas ans Herz legen zu sollen, was mir eigentlichsich von selbst zu verstehen schien. Im Hause am Dönhoffs-platz — vermutlich ist es noch heute so — konnte derAbgeordnete auf seinem Platz nicht schreiben. Wollte ereinen Brief oder sonst etwas Schriftliches erledigen, so mußteer aufstehen und sich in einen Winkel des Saales begeben,in dem Tisch und Schreibzeug standen. Ebensowenig hatteer an seinem Platz einen Behälter, in dem sich irgend einBuch oder Aktenstück aufbewahren ließ. Also sagte ich: