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läßt. Es liegt in dieser Manier der Annäherung nnd Er-neuerung entschwundener und fernstehender Gestalten etwasvon dem Verfahren, das wir an Mommsen in der Be-handlung der römischen Geschichte kennen gelernt haben;und doch ist es wieder ganz etwas anderes. Mommsenübersetzt uns den Pomvejus und Cicero in moderne Sol-daten- und Advokateusiguren, um sie unserem Verständnisnäher zu bringen. Renan schildert Jesum und seine Schülerso lebenswarm und liebenswürdig, daß sie ans Herz des Lesersnnd nicht am wenigsten der Leserin heranwachsen; und je mehrer der übernatürlichen Vorstellung der Gläubigen den Bodenentzieht, desto mehr sucht er sie durch die Naturnachahmungdes rein Menschlichen, das er dafür bietet, zu entschädigen.
In aufsteigender Liuie gleichsam schließt sich andiese Geschichte der Anfänge des Christentums das Werkan, das er für seine größte Lebensausgabe erklärt hat undwelches er nun unvollendet zurückläßt. Von seiner Ge-schichte des Volkes Israel sind (wenn ich nicht irre) dieersten drei Bände erschienen und ein vierter war unter derAeder'^). Ist auch in diesem späten ernsten, schwierigen Werkenicht alle und jede Kunst der früheren Art ausgeschieden,so fiudet sich doch darin die blühende und verführerischeDarstellung der ersten Bücher nicht mehr. Solches hätteauch nicht der Aufgabe entsprochen. Hier und da begegnennur noch der Rückkehr zu der alteu Liebhaberei, z. B. beiderSchilderuug desAllerheiligsten im Tenipel znJerusalem, indem es nach eingeschlossener Luft roch sosls, ssutait. 1'snfsrins).
Nebeu dcu mannigfaltigsten Originalarbeiten hat Renanauch eine Reihe von Uebersetzungen publiziert, an denener Meisterfreude empfand, die Kunst seines wundervollenStilgefühls zn bewähren. So übersetzte er das hohe Lied,
*) Im Jahre 1893 erschien der letzte das Werk vollendende Bandauf Grund des fertig vorliegenden Materials.