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Eindruck jener Kämpfe aus Leben und Tod eine unparteiischeEmpfindung bewahrt zu haben! In dem letzten Jahr-zehnt ward Renan auch im persönlichen Verkehr mitDeutschen wieder der liebenswürdige unbefangene Mannder früheren Jahre. Dem Buch über das Leben Jesufolgte eine Reihe von Bänden als Fortsetzung, die denGesammttitel der „Ursprünge des Christentums" tragen:Die Apostel, der heilige Paulus, der Autichrist, Evangeliumder zweiten christlichen Generation, die christliche Kirche,Mark Aurel und das Ende der antiken Welt. Der zweiteund dritte Band wurden noch viel gelesen und besprochen,wenn auch lange nicht in der Aufsehen erregenden Weisewie der erste.
Ton und Tendenz des Lebens Jesu sind der gebildetenLesewelt von heute vielleicht schon weniger bekannt, als siees vor zwei bis drei Jahrzehnten waren. Während dasBuch von Strauß im streng wissenschaftlichen, wenn auch,nach deni Geist des Verfassers nicht trocken zu nennenden,Ton gehalten war, erklangen in der französischen Schriftalle Zaubertöne der Renanschen Muse in ihren weichstenSchwingungen, und nicht nur das: zum ergreifenden Bildeerhob sich auch vor des Hörers Auge der melancholischeReiz der biblischer! Landschaft. Im Jahre 1860 hatte ersich, in wissenschaftlicher Mission der Regierung, nach Surrenbegeben. Er bereiste das heilige Land uud alle Stättender christlichen Verehrung; unter den? lebendigen Eindruckdieser von seinen Forschungen und seiner Phautasie be-seelten Natur entstand das warm und innig ausgemalteBild der magischen Szenerie, in welcher er den Heiland,ihn einmal über das andere den liebensivürdigen Meister,1'aiiv.g.dls äootsrrr, nennend, noch einmal an den Oliven-hainen, an den Seegestaden, an den Felsenhängen jenerstimmuugsvollen Welt mit seinen Jüngern dahin ziehen