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im Ausgang seiner Studien gerade aus deutschen Quelleneinen großen Teil seiner Belehrung geschöpft uud besondersnach den Vorbildern der Tübinger Theologenschule ge-arbeitet, daraus auch niemals ein Hehl gemacht. Geradein den fünfziger und sechziger Jahren des Jahrhundertshatte sich ein Kreis von französischen Gelehrten in Paris zusammengesuuden, welche gern einräumten, daß sie derdeutschen Wissenschaft, namentlich auf dem Gebiet derLinguistik, außerordentlich viel verdankten. Der Krieg hatdann auf geraume Zeit dieses offene Einvernehmen unter-brochen, und bekanntlich wurden bereits im Sommer 1870zwischen Renan und Strauß Briefe gewechselt, die denStreit der Nationen auch in dem Meinungskampf der sichsonst in gegenseitiger Verehrung nahestehenden Gelehrtenwiderspiegelten. Renan hat dann noch eine Reihe vonJahren hindurch von Zeit zu Zeit die Gelegenheit er-griffen, um die Niederlage seines Landes mit abfälligenUrteilen über Deutschland rächen zu helfen. Er wärenicht der Liebling seines Volkes und der für die Wieder-gabe aller tiefgehenden Stimmungen fein besaitete Prophetgewesen, wenn er der Versuchung widerstanden hätte, auchseinen Tribut auf den Altar der gekränkten nationalenEigenliebe niederzulegen. So ließ er, der früher deutschesWissen verherrlicht, ja den preußischen Osten einmal alsdas Volk des kategorischen Imperativs gepriesen hatte, sichverleiten, in akademischen Reden und in einem eigen-tümlichen, nach Art des Sommernachtstraum aufge-bauten, , Phantasiestück das deutsche Barbarentum anden Pranger zu stellen. Aber die höhere Natur siegtedoch nach den ersten Zeiten wieder über die Liebedienereigegen die Schwäche der eigenen Nation und gegen daseigene verletzte Gefühl. Wer auch, diesseits oder jenseitsder Grenze, könnte sich rühmen, unter dem unmittelbaren
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