Im Jahre 1860 erhielt Renan die Professur derhebräischen Sprache am LolleAs eis ?rauos; aber sein imJahre 1863 erschienenes „Leben Jesu" wurde der Anlaß,daß ihm dieser Lehrstuhl, der ihm erst nach einer Reihevon Jahren wieder zugänglich wurde, zeitweilig entzogenward. Wer jene Zeit mit erlebt hat, selbst außerhalbFrankreichs , erinnert sich gewiß des gewaltigen Lärms,den das Buch sowohl als der daraus entbrannte .Kampsdamals entfesselte. Man muß sich die eigentümliche Kon-stellation von Ort und Zeit vergegenwärtigen, uni sich einBild des Ganzen zu machen. Napoleon III. , auf derHöhe seiner Macht, hin- und hergezerrt zwischen italienischeruud romischer Politik, das freidenkerische Frankreich , diemächtige klerikale Partei an den Rockschößen Eugeniens,die Universität, die Studenten, Paris endlich mit seinemDurst nach Sensation nnd seinem Talent, sie zu genießen,das alles tönte, schrieb, redete, wühlte und wütete durch-einander, und in der Hauptsache war das Ganze vor allemamüsant. Schließlich behauptete die Klerisei die Oberhandund Renan trat ins Privatleben zurück.-)
Im Kleinen hatte Renans deutscher Vorgänger,David Friedrich Strauß, zwei Jahrzehnte früher in Zürich Aehnliches erlebt, ja darüber hinaus den hellen Straßen-kampf entfacht. Aber in der Heimat des protestantischenKritizismus, dem damaligen Deutschland der Zersplitterungund Stagnation, war es natürlich nicht zu Ausbrüchen insolchem Maßstabe gekommen. Daß Strauß seiue Lehrer-stelle an einem theologischen Seminar niederlegen mußte,war im Grunde nicht auffällig: eiue Professur philologischerNatur wäre ihm schwerlich entzogen worden. Renan hat
*) Ich habe damals in den „Deutschen Jahrbüchern" das Buchunter dem frischen Eindruck der Begebenheiten besprochen.