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2 (1894) Charakteristiken
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das weibliche Herz dem Träger der Uniform so gern ent-gegen? Man sagt' wegen der Uniform! Das ist nur zumTeil die Erklärung, und selbst, wenn es den Grund derThatsache erschöpfte, bliebe noch übrig, daß doch nicht reinzufällig der Vorzug der schmuckeu Uniform gerade demSoldatenstand zukommt. Es ist auch nicht blos daszweierlei Tuch," welches mittelst seiner koloristischen Wir-kung verführerisch wirkt, die Waffe gehört dazu. Es hatseinen guten Grund, daß der englische gemeine Soldatzwar in Uuisorm, aber ohne Seitengewehr ausgeht, undder Offizier sich nie außer Dienst in Uniform zeigt. Dascutspricht einem Lande bürgerlicher Freiheit, in welchemdas Gesetz die höchste Autorität ist. Die Sitte, mit demSchwert an der Seite in Gesellschaft zu erscheinen, ist einSymbol, daß die Waffe höher eingeschätzt ist als das Recht.Daß bei uns Minister in den Parlamenten mit Epaulettengeschmückt und auf den Degen gestützt sprechen, ist einGegenstand des Befremdens für andere Europäer. Bis-marck wußte, wie immer, was er that, als er die Gewohn-heit dieser Tracht annahm. Er hat darin übrigens nurdas Beispiel des Grafen Prokesch von Osten befolgt, vondem er, als er selbst nur noch Lieutenantsuniform prästirenkonnte, von Frankfurt aus schrieb, daß er, um zu impo-niren, sich stets in seiner Feldmarschallsuniform zeigte. Eskönnte einmal untersucht werden, ob in früheren Jahr-hunderten, wo die Tracht der höheren Klaffen überhauptnoch nicht so scharf gegen die militärische abstach, die sol-datische Erscheinung weniger Wirkung auf die Menschenund insonderheit auf das schöne Geschlecht gemacht habe.Denkbar wäre es schon. Man trug ja, auch in höherenBürgerkreisen, noch bis gegen Ende des vorigen Jahrhun-derts den Degen an der Seite. Und die Waffe hat andem Nimbus der militärischen Erscheinung einen bedeutenden