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französischer Sprache, ein Quellenmaterial, an welchem sichder Erzähler mehr als an irgend einer anderen Stelleseines Werkes vollgesogen hat. Schwerlich ist ihm irgendein Blatt älterer oder neuerer Zeit entgangen; in den Ar-beiten des Mainzer Gerichtspräsidenten Bockenheimer, devsich Nachforschungen auf diesem Gebiete zur besonderenAufgabe gemacht hat, fand er einen Pionier, dem er vielverdankt. Nachdem man Chuquet's Bände Custine undMainz gelesen hat, kann man mit absoluter Gewißheit dasSchlußurteil über den qualitativen und quantitativen Gehaltder Teilnahme fällen, welche die Sache der Revolution undder Gedanke des Anschlusses an Frankreich damals amMittelrhein aufzuweisen hatten. Unseres Historikers Berichtin allen Einzelheiten und im Gesamteindruck stimmt mit derAnsicht überein, die sich im Lauf der Zeiten immer mehrherausgebildet und festgestellt hat, daß eine Wirkung indie Breite niemals erreicht war. Wie genugsam bekannt,hatte die Revolution bis zum Ausbruch der Schreckenszeitunter den Gebildeten Deutschlands und gerade in denhöchsten gelehrten Kreisen begeisterten Anklang gefunden,dem dann Abkehr und Ernüchterung folgten. Ein Kreisvon Männern, welche am Sitz des letzten Kurfürsten ver-einigt waren, stand örtlich und geistig der Bewegung be-sonders nah, und das Erscheinen der republikanischen Armeeentfesselte natürlich alle bis dahin unterdrückten Regungen.Aber weitaus der größte Teil der Bevölkerung verhielt sichinnerlich gleichgültig oder ablehuend, und weder das Auf-treten der „Befreier" noch die Erfolge ihrer Thaten leisteteneiner tieferen Umwälzung Vorschub. Die spätere Zeit vomFrieden von Campoformio bis zu dem von Paris , einZeitraum von reichlich fünfzehn Jahren, schaffte mehr Bodenfür die Sympathie besonders mit französischen Rechts-institutiouen, als jene erste kurze tumultuarische und