Kapilel^ Teilweise politischer Charakter der Flugschriftenlitteratur. 43?
scinen Kreis gefallen war, zu sammeln; das litterarische Interesse warbis znm Ende d^s 18. Jahrhunderts noch nicht stark genug oder zueinseitig, um solchen Erscheinungen bei ihrem bescheidenen Äußern irgend-welche Aufmerksamkeit schenken zu können. Was also von ihnen erhal-ten ist, das hat mit wenigen Ausnahmen, wenn nicht ein berühmterName dahinter steckte, der Zufall, ein Aktenheft, der versteckte Winkeleiner Bibliothek, ein planlos zusamn'angestellter Sammelband, wie mansie damals liebte, oder ein für nichts geachteter Einband gerettet. Allendiesen Tagesschriften gemeinsam ist die Anonymität des Verfassers undVerlegers. So treten sie mit dem Reiz des Geheimnisvollen, mit demSchein einer doppelten Autorität vor den damaligen Leser und macheneinen um so größern Eindruck. Nur einmal heißt es im „Karsthans"(wahrscheinlich zu Anfang 1521 von Ulrich von Hütten geschrieben), Karst-hans solle beim Buchdrucker Grüninger in Straßburg dessen bei e Büch-lein „Vom Bapstthumb" und „Ain christliche und brüderliche crmanung"kaufen und lesen. Aus den verdienstvollen Arbeiten von Karl Hagen,F. David Strauß und Oskar Schade u. a. weiß man, daß die hervor-ragendsten und edelsten Geister der Nation vor allem auf diesem Gebietethätig wareu und sich zum Theil hier ihre ersten litterarischen Sporenverdient haben.
Trotz alledem sind aber noch so viele jener Flugschriften auf dieGegenwart gekommen, daß sie eine der wichtigsten Quellen zur Kenntnisder Volksstimmung und des innern Ganges der Bewegung bilden. Sieweisen den Reflex der Ereignisse im Gemüt und Bewußtsein des Volkesnach, begleiten jedes neue Ereignis mit ihren Kommentaren und lehrenvor allem den Charakter der Reformation viel tiefer und höher, denn alseinen nur theologisch-dogmatischen Kampf gegen die alte Kirche auffassen.Es handelt sich nämlich von Anfang an für das Volk nicht uur um dieAbschüttelung des römischen Jochs, sondern auch um die Befreiung vonweltlichen Lasten, um die Beseitigung des weltlichen rohen Drucks undeiner in gesetzliche Formen gebrachten Aussaugung durch heimische Herrenund Machthaber. In vielen dieser Schriften gingen die letztern Beschwerdenselb ! den gegen Rom gerichteten voran; für alle aber war das Papsttumder Inbegriff jeder Art von Gewalt und Niedertracht. So ist es dennziemlich auch derselbe Grundgedanke, welcher in der TagcSlittcratur derReformationszeit von immer neuen Gesichtspunkten aus behandelt wird.