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besonderen Fall zurückzukommen, auch der Tischredner nichtentbehren. Ja, wenn für irgend eines, so ist für diesesGenre die Leistung aus dem Stegreif nicht nur die erlaubte,sondern die erwünschte. Die Stimmung ist es, welche hierInhalt und Form der Rede geben soll, und wenn schonmancher gute Toast auch von einem „unvorbereitet wie ersich hatte" gehalten worden ist, so verdient doch als derTischredner von Talent und Beruf nur der bezeichnet zuwerden, welcher wenigstens im Effekt den Eindruck der Un-mittelbarkeit hervorbringt. Denn natürlich nur auf denEffekt kommt es an, nicht auf das, was ihm im Stillenvorangegangen ist. Ich glanbe, auch die guten Tischrednersammeln in ihren Mußestunden einen Vorrat von humoristi-schen Wendungen bei sich an, die sie im richtigen Momentals augenblicksgeborene Raketen aufsteigen lassen. Dasgeht aber niemandem etwas an. Wie eine Sache zustandegekommen, verschwindet vor der Thatsache, daß sie gelungenist. Schon der alte Goethe, der alles gesagt hat, sagt:Was gut gemacht ist, scheint leicht gemacht zu sein. DieDeutschen sind im großen und ganzen als Nation nichtunter die mit der Redegabe besonders gesegneten zu rechuen,aber ich wüßte doch unter Verstorbenen und Lebenden einestattliche Zahl gerade vorzüglicher deutscher Tischredner auf«zuzählen, und es ist nicht schwer zu erklären, warum wirgerade in dieser Spezialität uns auszeichnen. Nur dasglaube ich auch bemerkt zu haben, daß hervorragende Tisch-redner auch sonst in ihren Vorträgen etwas haben, wasan die farbenfrohe Produktivität der Weinlaune erinnert.Unsere großen politischen Redner haben nie bei Tische sichbesonders hervorgethan. Ich kann mich nicht besinnen, vonirgend einem zierlich ausgesponnenen Toaste Bismarcks ge-hört zu haben. Laster war beinah niemals zu einemsolchen zu bringen, und Eugen Richter verspürt, wenn ich