eine derartige Prozedur unter solchen Umständen nicht denk-bar, und der deutsche Geschmack scheint mir hierin derbessere zu sein. Der Grundgedanke der rednerischen Wir-kung liegt in der Vorstellung, daß sie einem lebendigen, imAugenblick hervorsprudelnden Quell entspringe. Dem wider-spricht der Eindruck mechanischer Abhaspelung voraus auf-gewundener Gespinnste. Im deutschen Parlament ist dasVorlesen von Reden nach der Geschäftsordnung aus-geschlossen. Die Franzosen legen so großen Wert auf diekorrekte Form, daß sie der Sicherheit halber die schriftlichpräparierte vorziehen. Aber hierbei wird die wahre Naturder Aufgabe allzusehr der Formvollendung geopfert. InFrankreich gestattet es die Sitte sogar, an der Bahre desVerstorbenen eine Rede auf denselben abzulesen. Bei unswürde das geradezu verletzend auf das Gefühl wirken, unddies Gefühl ist im Rechte. Aber was hier gegen die imvoraus in allen Einzelheiten festgelegte Rede gesagt wird,soll nicht umgekehrt der Improvisation zu gute kommen.Die Regel für eine gute Rede, wie für einen guten Feldzugist, daß sie im voraus wohl überlegt seien, was nicht aus-schließt, daß die Umstände zu richtigen Eingebungen desMoments wie zu glücklichen Gefechten führen können undsollen. Die Debatte, also vor allem die parlamentarischeVerhandlung mit ihrer Aufgabe, dem meist erwarteten, aberauch dem unerwarteten Angriff zu begegnen, drängt ja vonselbst auf die Improvisation hin. Aber auch hier wird derbeste Improvisator der sein, der schon lange vorher alleSeiten einer Frage in sich überdacht und seinen Köchermit Pfeilen für alle denkbaren Fälle ersehen hat. Einesolche innere Vorbereitung allgemeiner Natur ist die Be-dingung für jede ernste rednerische Qualifikation, sie istihrem Wesen nach verwandt mit dem, was man sich unterÜbung denkt. Dieser Übung darf natürlich, um auf unseren
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