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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Punkt. Da die Sache gewöhnlich so eingerichtet ist, daßdie Getränke von den Gästen je nach Verbrauch dem Unter-nehmer bezahlt werden, so hat derselbe ein doppeltes Inter-esse, durch sparsam bemessene Bedienung lange Pausen ent-stehen zu lassen, die durch Reden und Trinken ausgefülltwerden. Je weniger kultiviert die Völker sind, desto längersind ihre Ceremonien. Ein afrikanisches Palaver dauertmehrere Tage.

Die Tischberedsamkeit ist eine besondere Art, von derman beileibe nicht verächtlich sprechen soll. Wie jeglicheKunst ist sie schwer und hat ihre Feinheiten. Jeder, derüberhaupt Reden halten kann, ist auch imstande, eine Tisch-rede und sogar eine gute zu halten, wenn er einigermaßenvorbereitet ist, was ich überhaupt für die Regel bei gutenReden halte. Gewiß, es giebt vortreffliche Improvisationen,aber keine unfehlbaren Improvisatoren. Der gewissenhafteRedner wird, wenn er kann, sich immer lieber vorher be-sinnen auf das, was er zu sagen hat. Das ist er sich undseinen Hörern schuldig. Die Leute, die immer aus demHandgelenke reden können, sind meistens Flachköpfe. DieFranzosen , welche doch gewiß eine redebegabte Nation sind,extemporieren nicht nur selten, sondern sie sprechen seltenfrei. Ich habe Viktor Hugo und Louis Blanc in einergroßen Volksversammlung ihre Reden aus geschriebenenHeften ablesen sehen. Sie lasen nicht gerade jedes Wort,aber den Anfang jeder Periode und, nachdem sie sichtbarer-weise das Ende derselben noch rasch ins Auge gefaßt hatten,erhoben sie den Blick nach den Zuschauern (sie sprachennämlich von der Bühne eines der größten Theater aus)und. rentierten den Rest auswendig. Die Gestikulation,welche den deklamatorischen Vortrag begleitete, half einiger-maßen über die Schwerfälligkeit einer solchen Diktion hinausund gab ihr etwas mehr Leben. In Deutschland wäre