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Volkskörper ein, in der Hoffnung, ihn damit gegen diegroße sozialistische Ansteckung immun zu machen. DiesAntitoxin hat sich jedenfalls nicht bewährt. Was es be-wirkt hat, zeigen die Zahlen der Wahlresultate.
Es ist merkwürdig und doch aus seiner ganzen Naturerklärlich, daß eiu großer Mann wie Bismarck in diesenbeiden Punkten sich so gründlich täuschen konnte, und esgehört diese Täuschung zum ganzen Verhängnis. Der Ge-danke, daß man der Sache mit Gewalt beikommen könne,war das Ursprüngliche bei ihm und ist es bis zuletzt ge-blieben. Die Idee, durch homöopathische Dosen des Krank-heitsstoffes die Krankheit selbst zu töten, kam ihm erst all-gemach und hat wahrscheinlich niemals sich bei ihm sehrfestgesetzt. Durch Hermann Wagener und Bucher stand ervon lange her unter dem Einfluß eines gewissen sozialisti-schen Dämonismus. Beide haßten die Welt des prosaischenbürgerlichen Erwerbs. Bismarcks Staatssozialismus warlediglich eine opportunistische Diversion, wie seine Kolouial-politik; beide wurden nur von seinen Nachbetern ernst ge-nommen.
Eine meiner letzten Unterredungen mit dem Kanzler,ehe die große Umkehr in der Handelspolitik eintrat, drehtesich um diesen Punkt. Ich hatte eben in der „DeutschenRundschau" den ersten Teil einer Abhandlung über „Deutsch-land und den Sozialismus" veröffentlicht, in welchem ichausführte, wie die Deutschen am meisten von allen Völkernzum sozialistischen Experiment prädestiniert seien. FürstBismarck ließ mich, während er einer Reichstagssitzung bei-wohnte, in sein Kabinet bitten. Es war mir schon vorherzu Ohren gekommen, daß er sich beifällig über die Arbeitausgesprochen habe, und er wiederholte das jetzt unter vierAugen. Nachdem das Gespräch sich eine Zeit lang überden Gegenstand verbreitet hatte, gelangte er zu dem, worauf