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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
193
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Erbprinz von Hanau , welcher in der folgenden Darstellungeine so hervorragende Stellung einnimmt, ist derselbe, welcher1814 in Hessen-Kassel einzog und die neue Aera kurhessischerLandesvaterschaft in ihrer von Geschlecht zu Geschlecht fort-blühenden Herrlichkeit begründete. Alles was heut in kleinendeutschen Residenzen thront, ist noch in derselben Atmosphäreaufgewachsen, in welcher jene Großväter atmeten; die Äpfelliegen dicht bei den Stämmen. Was hätte sich auch seit-dem in Deutschland geändert? Vielleicht dennoch am meistengerade der Geist dieser Höfe; denn am Ende, was andersals der gute Wille und die sanftere Gesittung der Fürsten hält sie ab, nicht zwar Menschen zu verkaufen, da es jakeine Käufer mehr giebt, aber doch mit derselben Brutalitätund Willkür über die Personen und Güter ihrer Unterthanenzu verfügen, wie es die Großväter gethan haben? Nochist in solchen Dingen auch der kleinste deutsche Landesfürstebenso unabhängig, ja noch unabhängiger als dazumal; dennim Grunde kam es weiland noch eher vor, daß Kaiser undReich sich irgend einem landesherrlichen Mißbrauch in denWeg legten, als heutzutage der Bund. Bedenkt man, daßdie himmelhoch aufflammende Lohe der französischen Revolu-tion den nächsten Horizont jener Landschaften mit dem Blut-rot ihrer Rache färbte, welche doch viel geringeren Misse-thaten galt, und das zu einer Zeit, wo kaum die Überlebendenjener verkauften Unterthanen aus Not und Gefahr heim-gekehrt waren, um die Maitressenwirtschaft mitanzusehen,die von dem Kaufpreis ihres verhandelten Leibes genährtwurde; und bedenkt man dazu, daß trotz alledem in keinemdieser Lündchen der Wutausbruch des französischen Volksein offenes Ohr oder Auge, geschweige denn einen Versuchder Nachahmung fand, hält man diese Gegensätze zu-sammen, so erfaßt man erst recht die totale Abwesenheitalles dessen, was irgendwie Empfindung für Recht, Freiheit

Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I.