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wegen 600 Mann. Auf Darmstadt hatten die Engländerein Auge geworfen, doch mußten sie selbst das Projekt auf-geben. „Der Landgraf von Darmstadt, " schreibt Jorke, derenglische Agent, nach Hause, „ist, wie ich ausgefunden habe,zu verliebt in seine Soldaten, als daß er sie außer Sichtließe." So ward das Paradespiel des „großen Trommlers"eine Stütze seiner Tugend. Die Einzelheiten der Unter-handlungen mit jedem der aufgeführten Höfe und die dazugehörigen Glossen in den Berichten der englischen Agentenliefern die interessantesten Beiträge zur Beurteilung einerKleinstaaterei, aus welcher durch die Geringfügigkeit deräußeren Maßstäbe auch jede Empfindung für innere Würdeund Ehre bei Fürst und Volk ausgetilgt ist, sowie durchdie verschwindende Stellung zur Welt jede Rücksicht auföffentlichen Anstand bei Seite fällt. Nichts kann demplatten, abgeschmackten, faselnden Servilismus gleichen,welchen die Prinzen von Hanau und von Anhalt - Zerbstden englischen Ministern gegenüber aufbieten; nichts alsder Übermut und die Unmenschlichkeit, mit der sie wiederumihre eigenen Untergebenen mißhandeln. Die desfallsigen,von Kapp mitgeteilten, französischen Briefschaften der hohenHerren seien dem Appetit des Lesers besonders empfohlen.Er mag unter anderem daran studieren, wie tief begründetdie beliebte Doktrin unserer Sonderbündler ist, daß jededeutsche Residenz ein Herd von Bildung und Anstand fürihre nächste Umgebung sei, vou der Gemütlichkeit nicht znreden.
Allerdings ist die Gesittung das Allgewaltigste. Un-bewußt und unbefragt empfängt sie der einzelne aus derAtmosphäre, in welcher er atmet, und sie wird ein Teilvon ihm, indem er selbst wird. Darum ist die Garantieder Sitte mächtiger, als jegliche Artikel einer verbrieftenoder — o du meine Güte! — beschworenen Verfassung.