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Aber diese Sitte selbst läßt sich nicht erborgen noch kopieren.Sie muß wie ein festes Eigentum wohl erworben und mitArbeit und Not errungen sein: hier wäre das vom Blutund Eisen nicht übel am Platze. Aber gleich nach derGarantie der unbewußten Sitte kommt die Garantie deswohlverstandenen Interesses. So gewiß es nur einerAhnung von Einsicht ins Staatsleben bedarf, um heraus-zufühlen, daß allein aus der Kleinheit der äußeren dieErbärmlichkeit der inneren Verhältnisse, und nur aus dertiefen Erbärmlichkeit die tiefe Ruchlosigkeit des Verfahrenserwachsen konnte, so gewiß entstammt noch alles Elend bisauf den heutigen Tag zum guten Teil dem bunten Wahn-witz der deutschen Landkarte. Auch an dieser Stelle könnenwir abermals uichts Besseres thun, als dem zutreffendenHinweis unseres Geschichtsschreibers auf der Fährte folgen.Dem Ekel und Abscheu erregenden Treiben der kleinenZwingherren gegenüber stellt er das Verhalten der beidendeutschen Großmächte in derselben Sache. Der deutscheKaiser und der Preußische König traten, jeder nach seinerWeise, dem Unfug in den Weg. Der Kaiser mit Jnhibi-torien, Verboten und Mahnungen, denen, bei des ReichesOhnmacht, kein wirksamer Schrecken Nachdruck verschaffenkonnte; der König mit der Entschiedenheit und ganzenGrimmigkeit seines Wesens und des in seiner Politik undStellung verkörperten Interesses. Nicht, wie man vielfachgemeint hat, aus idealer Humanität, sondern aus sehrnüchterner Berechnung widersetzte sich Friedrich, wie undwo er konnte, der Werbung und dem Export für England .Gerade darauf legt mit dem größten Recht Kapp den Ton.Über dem Zufall der persönlichen Regenten-Inspirationsteht die Notwendigkeit der Selbsterhaltung, und die Re-gierung eines großen Staats ist durch ihre Dimensionengezwungen, vernünftiger zu handeln, als das Oberhaupt