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weisen ganz entraten können. Nun besteht aber ein Souveränüber dreißig Quadratmeilen nie durch seine eigene Macht,sondern nur durch Herkommen oder Duldung. Er wirdalso auch durch keine innere Nötigung selbst im Laufe derJahrhunderte darauf gestoßen werden, an die Wurzelnechter Kraft zum Zweck seiner Selbsterhaltung zurückzu-greifen. Seine Politik wird in der elenden Mühle ab- undzutreten zwischen der Aufrechthaltung verschimmelten Her-kommens und dem Buhlen um die Unterstützung der dul-denden mächtigen Nachbarn. Er wird sich stets da an-klammern, wo momentan der Antagonismus gegen höhereInteressen am lebendigsten vertreten ist, oder nach den ge-meinsten Mitteln greift; und er wird in 8xsoik — wiewir es an so vielen binnen der letzten fünfzehn Jahre er-lebt haben — bald an der österreichischen, bald an derpreußischen, heute an der Würzburgischen, morgen an derfranzösischen Schleppe hangen. Die Gunst des Zufallskann es bescheren, daß ein Regent, dem Impuls seinerEinsicht oder Menschlichkeit Folge leistend, versucht, dasSchwergewicht seiner Selbsterhaltung auf die liberale Seitezu legen und seine Unterthanen durch den Gegensatz zwischendem eigenen freisinnigen und dem absolutistischen Gebarender Großmächte an sich zu fesseln. Ein solches schon ansich so seltene Göttergeschenk eines wohlinspirierten Landes-herrn mag im Schutze seines Einzeldaseins sanft verblühen:in der dem Naturgesetz unterworfenen Masse ist das Phä-nomen undenkbar. Da wird sich der einzelne um dieGunst des Stärkeren bewerben müssen und nie wagendürfen, dem System desselben ein nachhaltiges Paroli zubieten. Gewissen Bedingungen der Selbsterhaltung hin-gegen, die, zunächst materieller Art, mit der richtigenFortentwickelung zusammenfallen, kann ein wirklicher,d. h. ein großer Staat sich nicht entziehen. Die einzige