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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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In manchem deutschen Fürstentum stößt ein Schuh-macher aus dem benachbarten Herzogtum bei seiner An-siedelung auf mehr Schwierigkeiten als ein deutscher Ge-lehrter, der nach einer Professur an der Hnivsrsits dsKranes strebt, deren findet. Die Natur hat dem MenschenEigenliebe jeder Art eingepflanzt; die aber, mit welcher derfranzösische Charakter erwiesenermaßen ausgestattet ist, istwenigstens von jener guten Sorte, die mehr gute als schlechteEigenschaften hervorbringt. Durch ganze Generationen hatdieses Volk derartig der felsenfesten Überzeugung von seinerallumfassenden Überlegenheit gelebt, daß der Gedanke, denFremden als einen Eindringling mit Eifersucht zu ver-folgen, ihm niemals auch nur in den Sinn kam; im Gegen-teil schien es ihm immer nur natürlich, daß die anderen zuihm kämen, um sich bei ihm zu unterrichten, zu bereichern, zuzerstreuen. Alle Fremden waren ihm Franzosen in sxs, be-rufen, ihren Anteil am Glücke der Nation entgegenzunehmen,sobald ihre Stunde gekommen wäre. Im Grunde war dieseiner der Gedanken der Revolution, dies die Bedeutung desBürgerrechts, das sie Klopstock und Schiller zuerkannte. DieseAnschauungen sind gegenwärtig im Verschwinden begriffen.Manches Unglück hat dem Lande Bescheidenheit gepredigt,und man ist seiner selbst nicht mehr sicher genug, um denFremden Bürgerkronen anzubieten. Um so mehr solltendiese den Vorzügen des französischen Volkes Gerechtigkeitwiderfahren lasten. Zu den lieblichsten derselben gehörtgerade jene herzliche, ja mit wahrer Lust dargebrachte Ge-fälligkeit gegen alle, die den Fuß auf seine gastliche Erdesetzen. Solchen Empfang bereitet dem Ausländer nicht wieanderswo eine wohlüberlegte Gerechtigkeit, vielmehr ent-springt er schon aus der so gutmütigen wie anmutigenSinnesart des liebenswürdigsten Volkes der Welt.