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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Haben Sie sich wieder tüchtig geärgert?" so wirdman in der Regel am Ende einer Session von seinenBekannten angeredet; oder:Ärgern Sie sich nur nichtviel!" am Anfang einer neuen. Du lieber Gott ! Wielange wäre Wohl die Durchschnitts-Lebensdauer eines Poli-tikers, wenn er sich jedesmal ärgerte, wo es das Publikummeint? Wir brauchen uns keine Hofnarren zu halten, dieuns an unsere Schwächen und Irrtümer erinnern. Dieganzeandere Seite des Hauses" übernimmt diese Arbeitin einer gar nicht spaßhaften oder verblümten Manier. Undwenn wir halbwegs verständig sind, so warten wir gar nichterst ab, daß uns dieser Schelmendienst von da drüben unddraußeu geleistet werde, sondern legen uns an jedem Morgendie Frage vor, ob wir am vorhergegangenen Tage keineDummheit begangen. Im übrigen vertragen wir unsauch von rechts und links menschlich besser, als Ihr dadraußen meint, und zwar lächeln wir nicht, wenn wir unsin der Stille begegnen, wie die Haruspiccs, sondern wirseufzen leise und schämen uns manchmal ein wenig.

Und eben deswegen habe ich, um am Ende das zusagen, was meine Einleitung sein sollte, Ihren Brief, so wieich ihn nur eben gelesen hatte, flugs denFreien Stunden"geschickt, auf daß sich alle diejenigen daran ergötzten, diemir unrecht geben. Ich gönne den Leuten das Pläsier,sich einzubilden, Karl Hillebrand stimme mehr mit ihnenüberein als mit mir. Zu Ehren des guten Tags, an demSie, mir und allen Freunden zur Freude, wieder demSetzer Arbeit gaben, sollen unsere gemeinsamen Gegnereinen Festtag haben. Ist das nicht eiu schöner Gedanke?In der Hauptsache sind wir ja doch einig: die Politikersollen die Politik machen nicht die NichtPolitiker, dieman auch bei uns heute damit betrauen will. Gerade weilder Demokratie die Zeit gehört, muß die Demagogie be-