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riche mehr Einfluß auf junge Damen als auf alte Schnauz-bärte. Die wahre Militärpartei find die Journa-listen. Es ist merkwürdig genug, daß man den Satz„Gott bewahre mich vor meinen Freunden", schon erfundenhat, ehe die Zeitungen erfunden waren.
Die Menschen gebrauchen die Sprache viel weniger,um anderen Mitteilungen zu machen, als um zum eigenenVergnügen laut zu denken; die Journalisten aber, welchenicht immer die tiefsten Denker sind, machen ihre Reflexionenam lautesten von allen Menschen, und ihr Beruf hat siedazu ausgebildet, vornehmlich das zu denken, was ihre undihrer Leser Eigenliebe im Moment am meisten kitzelt. Über-dies ist es leider sehr verführerisch, von denen, mit denenman schlecht steht, schlecht zu denken. Dies Geschäft über-nehmen die Zeitungen für sich und für ihr Publikum. Dieunzerstörbare Naivetät der Menschen bleibt an der Vor-stellung haften, daß die Blätter geschrieben würden, umüber Thatsachen und Verhältnisse zu belehren. In Wahr-heit werden sie geschrieben, um zu unterhalten, und nichtsist so unterhaltend wie üble Nachrede — die laute gegendie Feinde, die leise gegen die Freunde.
Seitdem die Politik in das Zeichen der Nationalitäteingetreten ist, hat die gegenseitige Völkerverlästerung einenungeheuren Aufschwung genommen. Das an sich wohl-berechtigte Prinzip ist zu solchen Extremen getrieben wor-den, daß man den Moment kommen sieht, wo es sich über-schlagen wird. Nach dem Vorgang der großen Nationali-täten, welche alte Kulturen tragen und verkörpern, wirdjetzt für die kleinsten, kanm definierbaren, halb barbarischenGruppen die Selbstherrlichkeit gefordert. Nicht zufriedenmit der Unabhängigkeit des Vaterlandes nach außen, gräbtman im Innern desselben nach nationalen Wurzeln, umauf dem eigenen gemeinsamen Boden möglichst viel Ele-