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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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meint es Herr Miquel ja nicht. Was ihm dumm undverdummend vorkommt, ist etwas ganz anderes, eigentlichdas Gegenteil, mit einem Wort die Mühe, welche sich dieMenschheit seit Jahrtausenden giebt, Freiheit und Ge-rechtigkeit gegen Macht und Ungerechtigkeit durchzusetzen.

Und wo ließen sich solche Gegensätze leichter über-springen als bei Toasten? In England gehen sie seit alterZeit neben dem parlamentarischen Brauch begleitend ein-her, aber wohl niemals hat man den Versuch gemacht, siean die Stelle der parlamentarischen Autorität zu setzen.Deutschland hingegen steht gegenwärtig recht eigentlich unter- dem Zeichen der Toaste. Man kann das schon an äußer-lichen Merkmalen erkennen. Thue man nur eiuen Blick indie Zeitungen; die telegraphischen Eilberichte aus demReichstage werden in kleiner Schrift gedruckt, die Toasteaber in möglichst großer. Sie drängen sich vor alles anderemit fettglänzenden Buchstaben hervor.

Nun ist es ja um Fest und Freude eine schöne Sache.Glockenklang und Gläserklingen, Lichterglanz und Fahnen-schmuck sind nicht zu verachten, und bescheiden, wie dieMenschheit einmal ist, so bescheiden, wie sie jetzt bei unsist, war sie seit lange nicht mehr gewesen erbaut sichdie große Zahl derer, welche nicht mit zur Tafel gezogenwerden, schon an dem Studium der ausführlichen leckerenSpeisekarte, sogar dann, wenn nicht die vaterlandslosenSaucen als deutsche Tunken eingetragen sind.

Ob man das nun gut finde oder schlecht, ob mausals eine tiefgehende Bewegung oder als eine Tagesmodeansehe, so viel steht fest: die Erscheinung ist eine herrschende,und wer sich über sie forthelfen wollte mit der Deutuug,daß sie von einzelnen gemacht, mehr oder weniger künstlicherzeugt sei, würde in demselben Irrtum verkehren, welcherdem Gedanken zu Grunde liegt, daß ein großes Gemein-