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forme! so recht aus ursprünglicher Tiefe mit überraschendemEffekt zu Tage zu fördern. Wie heute die Formel von denveralteten Parteien, so war es damals die von der Grnnd-verschiedenheit Deutschlands ost- und westwärts der Elbe .Der norddeutsche Bund war eben geschlossen, in Süddeutsch-land tobte der Kampf zwischen den Gegnern und AnhängernPreußens . Es hatte gewiß die Originalität für sich, daraufhinzuweisen, daß der wahre Zwiespalt nicht zwischen Nordund Süd, sondern zwischen Ost und West bestehe. Undwas uoch mehr ist, die Formel war gar nicht so falsch.Nur war sie, wohlverstanden, so gemeint, daß die Aufgabefür uns Liberale sei, den Geist des Ostens mit dem Geistdes Westens zu besiegen, nicht Hannover mit Schwaben zubekämpfen, sondern beider vorgerückte politische Kultur sieg-reich über die Elbe zu führen. Mit einigem Vergnügen,wenn auch nicht ohne einige Wehmut, denke ich noch jetztan die Stunden zurück, da der farbensprühende Feuergeistuns jene neue Lehre vortrug. Schade nur, daß sie justins Gegenteil verkehrt worden ist. Denn wenn mans kurzzusammenfassen will, die Summe der inneren deutschen Ent-wicklung ist heute die: der Osten hat den Westen besiegt.Und besiegt in des Wortes tiefster Bedeutung: der Geistdes feudalen Ostens hat den Geist des bürgerlichen Westensunterjocht und zn seiner Anbetung herabgedrückt. In derSprache des Tages nennt man das „Kartell". Das heißtdie Jünker des Ostens mit Gefolge ziehen in die Reichs-sestnng als Sieger ein, und die Bürger des Westens blasendie liberale Musik dazu. Kapellmeister sind eben die beidengroßen Parlamentarier. Wenn ich von den Junkern spreche,muß ich mich immer dagegen verwahren, als dächte ich ge-ring von ihnen. Schon weil sie unsere Herren gewordensind, fällt mir das nicht ein. Es ist thöricht und ge-schmacklos sich über seinen Herrn lustig zu machen, zumal