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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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eines großen Staates mir den seiner Einsicht nach un-widerleglichen Satz vorgetragen, es sei doch noch einwahres Glück, daß die Länder jetzt so starke Heere im Friedenunterhielten, denn wohin sollte es kommen, wenn alle dieseMillionen von Soldaten auch noch in Gewerben produzierendarbeiteten und damit die ohnehin schon so große Konkurrenzvermehrten! Es giebt gewiß sehr viele ansehnliche Ver-sammlungen, in denen eine solche Betrachtung Glück machenwürde.

Zu den unausrottbaren Verirrungen dieser Art gehörtauch der blinde Glaube an das, was man in der Lehrevom Strafrecht die Abschreckungstheorie nennt. Wenn dieMenschen meistens aus Mangel an logischem Urteil fehlen,so geschieht es hier umgekehrt aus zu starrer einseitigergeradliniger Schlußfolgerung, die nicht mit den viel ge-wundenen Bewegungen des menschlichen Wesens rechnet.Die Furcht vor einem Übel ist gewiß ein Grund zur Ab-haltung von einer That; aber die Versuchung zu einer Thatentspringt Trieben, welche entfernt nicht in ein mathe-matisches Verhältnis zu jener Furcht zu bringen sind. Darinliegt der Irrtum der Abschreckungstheorie, von welchem dasUrteil immer dann am meisten bestrickt wird, wenn es unterdem Eindruck heftiger Erregung steht. In einer großenStadt erlebte ich einmal den Fall, daß das kleine Kindwohlhabender Eltern in einem öffentlichen Garten auf ge-heimnisvolle Weise seiner Wärterin entführt wurde. Eserhob sich natürlich eine gewaltige Aufregung unter denMüttern aller Stände, und immer wieder mußte man ausihrem Munde die heftigsten Aussprachen darüber hören, daßdas Gesetz die Schuld trage, welches ein solch unerhörtesVerbrechen nicht mit genugsam harten Strafen bedrohe.Die Phantasie der Erbitterten gefiel sich im Erfinden allernur erdenklichen Grausamkeiten, welche auf eine solche Misse-