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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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die Sache der Freiheit in der Erziehung und gegen jedekirchliche Usurpation sich erheben, der Kern der ganzenGegenbewegung und das Feuer der Wut sitzt doch beidenjenigen Protestanten, welche in dem neuen Gesetz ins-besondere die Machterweiterung der katholischen Geistlichkeiterblicken. Und nicht bloß auf Seiten des Angriffs sieht esso aus, auch auf Seiten der Verteidigung. Das Centrumwirft alles, was es unter der FlaggeFreiheit, Wahrheitund Recht" seit Jahrzehnten an Bord führte, als schädlichenBallast ins Meer, um diese kostbarste Fracht in den Hafenzu bugsieren. Mag auch die Regierung an ihrem Teil denKulturkampf nicht wieder eröffnet haben für jetzt, in derBevölkerung ist er bereits wieder ausgebrochen, und dasSchlimmste am alten Kulturkampf war nie, daß er vonder Regierung, sondern daß er von einen: Teil der Be-völkerung gegen den anderen geführt ward. Übrigens,wenn es in der Bevölkerung tobt, wird schließlich die Re-gierung, die jetzt über beiden Teilen zu schweben sich ein-bildet, doch selbst wieder mit hineingezogen werden.

Windthorst hat es ja immer gesagt: wenn alles fertigist, dann kommen wir mit dem Schulgesetz. Diesen Aeolus-schlauch hat, trotz aller Waruungeu, das Ministerium Capriviwieder angestochen, hat sich zum Testamentsvollstrecker dieserAnkündigung gemacht. Es hat die Ära des Kulturkampfeswieder hereingeführt, aber unter wie viel ungünstigeren Be-dingungen, als zur Zeit, da Fürst Bismarck sie eröffnete!In der Glorie seiner wunderbarsten Erfolge, an der Spitzeeines neuen Reichs und ganz allein mit der Richtung gegenden Papst in Rom hatte Bismarck die Fehde begonnen. Kaumdaß ein kleiner Bruchteil der orthodoxen lutherischen Kircheim Stillen mit den Ultramontanen zu sympathisieren wagte.Jetzt steht eine neue Regierung, die sich zwar Respekt, abernoch keine Lorbeeren erwerben konnte, die in ihren eigenen

Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. I.