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gestaltung der Gesellschaft wirkt offenbar der Grundgedankesehr stark mit, daß es für das Elend dieser Welt keine Ent-schädigung 'in einer anderen gebe und daß die materiell aus-gleichende Gerechtigkeit schon auf Erden hergestellt werdenmüsse. Darum ist logisch nichts einzuwenden, wenn dieAbwehr gegen den Sozialismus sich aufgefordert fühlt, den-selben mittelst der Lehre vom Glauben au ein besseres Jen-seits zu bekämpfen, natürlich mit den Mitteln, welche imZeitalter der Glaubensfreiheit und der Lehrfreiheit nochErfolg versprechen.
Aber hier ist es, wo die Vorkämpfer des Glaubensihren großen Fehler begingen, indem sie sich von ihrenGegnern zu einer verhängnisvollen Inkonsequenz fortreißenließen. Sie gaben stillschweigend die Hilfsmittel der ewigenGerechtigkeit auf, indem sie sich um die Wette mit derSozialdemokratie bereit erklärten, die Gerechtigkeit desmateriellen Lebens schon auf Erden herzustellen. Damitwar das Fundament ihres ganzen Standpunktes preisgegeben.Natürlich gestanden und gestehen sie den Verzicht nichtförmlich zu, aber der Rückschluß liegt so nahe, daß er nichtverborgen bleiben konnte.
Wie Deutschland überhaupt der Bahnbrecher des So-zialismus geworden ist, so hat sich auch dieser treibendeFaktor desselben am stärksten in Deutschland entwickelt.Deutschland ist nicht nur das Vaterland des Katheder-sozialismns, sondern auch das Vaterland des zum Systemerhobenen christlichen Sozialismus. Viele mögen ihm dieszur Ehre und zum Verdienst anrechnen, — hier soll darübernicht gestritten werden. Aber die Thatsache steht außerZweifel. — Fürst Bismarck , der sehr viel für die Aus-breitung der sozialistischen Ideen gethan hat, obwohl er ihrabgesagter Feind war, hat auch auf diesem besonderen, dieReligion kompromittierenden Wege, mitgearbeitet. Mit der