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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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scharfen Witterung, die er für alle Verführungskünste inder Benutzung öffentlicher Strömungen zu momentanenMachterfolgen besaß, hatte er sich nach seiner letzten Trennungvom Liberalismus Ende der siebenziger Jahre entschlossen,auch die sozialistischen, dem Liberalismus feindlichen Ideenals Vorspann zu gebrauchen. Und da ihm nicht entgangenwar, daß die militierende Kirche sich auf diesen Weg be-geben hatte, stellte er sein Segel so, daß er auch diesenWind mit einzufangen vermochte. Es geschah gewiß mitwohl überlegtem Vorbedacht, daß er eines Tages das vonihm erfundene Wort vompraktischer! Christentum" in dieDebatte warf. Das war so ganz seine Art, einen Feldzugzu eröffnen. Die hochkirchlichen Bundesgenossen, welchener hiermit das Zeichen zum Anschluß gab, ließen es sichnicht zweimal sagen. Sie hatten schon lange voraus dasProgramm in Angriff genommen. Bischof von Kettelerdarf für den Stifter der ganzen Schule angesehen werden,welche man unter dem Namen des christlichen Sozialismuszusammenfaßt. Diese starke Persönlichkeit hat überhaupt ander konfessionellen Gestaltung der deutschen Geschichte einenviel bedeutenderen Anteil, als man in großen Kreisen zuwissen scheint. Meiner Beobachtung nach war er derjenige,welcher zuerst mit energischem Vorbedacht daran ging, diekatholische Kirche in Deutschland wieder zu einer aufwärtsstrebenden Großmacht emporzuheben, und ihm gelang es,die Unterlage für den Kampf herzustellen, auf welcher Windt-horst später weiter arbeiten konnte.

Herr von Ketteler war es auch, welcher zuerst diesoziale Frage in den Bereich der geistlichen Thätigkeit zog.Es ist bekannt, wie diese Bestrebungen zu einer von gegen-seitigem Wohlwollen getragenen Berührung zwischen ihmund Lassalle führten. Der protestantische Sozialismus folgteerst später diesem Beispiel nach. Als nun Bismarck mit