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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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seinem neuen Stichwort despraktischen Christentums" ein-sprang, nahm die Richtung in beiden Konfessionen einenverstärkten Aufschwung. Es ist für alle drei Beteiligtensehr bezeichnend, daß Lassalle sowohl mit Bismarck als mitKetteler eine Zeit lang in freundliche Berührung kommenkonnte.

Aber je mehr sich dieses Christentum in jene neueRichtung hineinarbeitete, desto mehr verzichtete es ans denwesentlichsten Inhalt seiner Lehre. Allerdings hat es immerdie Nächstenliebe auch zur Linderung irdischer Leiden ge-pflegt, aber sein stärkstes Argument war und blieb dochstets das Reich, welches nicht von dieser Welt ist und dieMühseligen und Beladenen in die bessere verweist. Indemes nun den kirchlichen Boden der freien Nächstenliebe ver-ließ, um seine Aufgabe in die diesseitige Ausgleichung mitStaatsmitteln zu verlegen, trat es in den Wettlauf mitdenen, deren Wahlspruch lautet, daß sie nicht mitWechselnauf die Sterne" bezahlt sein wollen. Der Hinweis aufden Ausgleich im Jenseits verstummte bald ganz und gar,und die Konkurrenz um den sozialistischen Erfolg wurde eineganz materielle, deren Problem sich einfach um die Alter-native drehte, wer es besser vermöchte irdisches Glück zubereiten, die Kirchen oder die Sozialdemokratie. Wenn mandie Schriften und Reden aus dem Lager des christlichenSozialismus liest, wird man vergeblich nach den Über-zeugungsmitteln suchen, welche sich an den Trost auf einausgleichendes besseres Jenseits wenden. In den feier-lichsten Ansprachen tritt derselbe zurück, wenn sie sich andie Handwerker oder an die Arbeiter wenden. Eineninteressanten Beleg dazu bildet noch die neueste päpstlicheEncyklika vom vorigen Jahr,Xavs-i-nm rsrrun.". Derfrühere Kardinal Pecci, Erzbischof von Perugia , ist be-kanntlich ein auch in weltlichen Wissenschaften gebildeter