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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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folge man von Anbeginn den Rat sich nicht anzustrengen,um alles zu verstehen. Vieles ist nach Prophetenart oftnur dunkel zum Erraten hingeworfen, ungewiß, ob es derProphet selber weiß. Auch das Unverständliche wird oftEreignis. Ebenso wenig muß man damit hadern, daß imGrunde die Kritik alles Bestehenden dem einigermaßen mitdiesen Dingen Vertrauten keine neuen Resultate bringt,nur neue Arabesken. Die ganze Auflösung von Gut undBöse mit allem, was in derGenealogie der Moral" darausfolgt, ist ebenso wie die Verleugnung der Misericordia, desMitleids, in Spinozas Ethik niedergelegt. Nur, daß derpraktische Philosoph seine Betrachtung unter den Schutz derEwigkeit (sxsoiss astkinl) stellt, das Zeitliche auf zeitlicheWeise versöhnend. Spinoza war eben ein wirklicher De-mokrat, ein ehrlicher Republikaner, der zu den Brüdernde Witt gegen die oranische Aristokratie hielt. Darum kannder Philosoph der neuesten Kraftmeierei ihn zwar im Ge-biet der Abstraktion, aber nicht der Ethik verwenden.

Wem fallen bei all dem nicht die ewigen Schlachtenein, die um das Problem des freien Willens geschlagenwerden? Wem, der sich einigermaßen kennt, ist hier dieLösung sud sxsois astsrni verborgen? Aber wie kommtman weiter fort im Gedränge des Lebens? Da sitzt derKnoten. Auch Schopenhauer hat man bekanntlich Inkonse-quenz vorgeworfen. Der Epikuräer, der das Dasein fürein Übel erklärt, und der Menschenverächter, der nur dieHunde liebt (viele Menschenverächter lieben aus Koketteriedie Hunde, siehe Tyras), aber so eitel ist, daß er jedes Käse-blättchen, in dem er genannt wird, sorgfältig einsammelt(siehe den Briefwechsel mit Becker). Aber man hat miteinigem Recht in diesem Fall, wie in ähnlichen, eingewandt,daß der Schriftsteller nach seinem Werke und nicht nach demMenschen zu beurteilen sei, wiewohl das bei den Philosophen