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Und ob Fürst Bismarcks Politik dazu beigetragen hat odernicht, wird man in Deutschland erst fragen dürfen, wennes nicht mehr für eine Blasphemie gelten wird, zu fragen,ob auch dieser größte Meister der Diplomatie sich nichtirrte, als er die Rolle des ehrlichen Maklers übernahm undden Dreibund stiftete; ob es wohlgethan war, als er imweiteren Verlauf derselben Aktion Rußland den Finanzkriegauf Leben und Tod ankündigte und es der französischenGeldmacht in die Arme trieb. Allerdings darf man nichtvergessen, daß der erste und ausschlaggebende Wendepunktini deutsch -französischen Kriege lag, daß Nußlands Wider-gebnrt aus dem Grabe der französischen Waffen emporstieg,daß schon in Versailles 1870 der Pariser Friedensvertragvon 1856 zerrissen ward.
Alles was seit jenen Schicksalstagen geschah, ist mehroder weniger die eingeborene logische Konsequenz jener erstengroßen Entscheidung. Bis zum russisch -türkischen Krieg wares der deutscheu Staatsweisheit gelungen, sich auf derselbenklugen Linie zu halten, die sie damals einschlug, als sieRußland seinen Anteil an der neuen Konstellation durchdie Wiedereröffnung des Schwarzen Meeres verschaffte. DerUmschlag datirt von 1875, und seitdem hat Frankreichs Liebeswerben — ob von deutschen Fehlgriffen begünstigtoder nicht (der alte Kaiser Wilhelm war bekanntlich hiernicht immer mit seinem Kanzler einverstanden) — sich mitunleugbarem Erfolg bemüht, Rußlands Sinn und Interesseauf seine Seite zu zieheu. Man hat gut sich darüber lustigmachen, daß die demokratischen Republikaner, daß die Kom-munisten des Pariser Stadtrats dem obersten Zwingherrnder sibirischen Verließe Hymnen singen und Kränze winden;daß sie die einst so heiß geliebten polnischen Brüder ver-gessen haben; daß selbst die ^llianos israslit« vor denLeiden ihrer verfolgten Glaubensgenossen die Augen ver-