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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Wirklichkeit zu korrigieren, und deswegen sind sie berufen,mit möglichst wenig Nachdenken genossen zu werden.

Ein paar Jährchen nachdem der französische Imperatordie Braut aus der Habsburgischen Hofburg unter Entfaltungalles heraldischen Pomps in die Tuilerien geführt hatte,stand er im Kampf auf Leben und Tod mit ihrem Vater-hause. Ein paar Jährchen, nachdem König Wilhelm derumschmeichelte Gast in Compisgne gewesen, sah er den tiefgedemütigten Gastgeber bei Sedan zu seinen Füßen. Undwer sich des Befreiungs- nnd Dankesrausches entsinnt, unterdessen Fahnen, Blumen uud Umarmungen die französischeArmee am 6. Juni 1859 nach der Schlacht von Magentain Mailand einzog, wird nicht minder der Gefahr entgehen,den Bundesliedern ewiger Lieb und Treu ein allzugläubigesOhr zu leihen.

Aber eben weil es in dieser schlechten Welt des Wechselsund der Vergänglichkeit der Dinge nichts ewig Bleibendesgiebt, darum hat auch das Flüchtige seinen Wert, und eszu gering zu schätzen, wäre ebenso falsch, wie es über seinenWert zu veranschlagen. Diese dritte Jnscenirung desfranzösisch-russischen Herzensbundes, nach KronstadtToulon, nach Toulon Paris , und nach den Flotten der Zarund seine Familie in Person, es ist doch auch nichts Gleich-gültiges, nichts Bedeutungsloses; wer sich nur darüberlustig machen wollte, würde gerade so unwahr sein, wie dietanzenden Preßderwische in Paris , die sich vor inbrünstigerAnbetung des Kaisers aller Reußeu uud seiner hundertMillionen Unterthanen überschlagen. Richtig ist doch, daßdies Rußland , dessen gewaltigem Autokraten vor vierzigJahren die Verzweiflung über seine Niederlage den Todbrachte, heute als die über die Geschicke der Völker Europas gebietende Macht gefürchtet und umschmeichelt dasteht. DasWettkriechen ist da, ob Fürst Bismarck es abwies oder uicht.