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glückliches, zur Lebensverschönerung angelegtes Naturell nochganz besonders die Gabe, sich in das, was ihrer Eigenliebewohlthut, hineinzuräsonnieren. Das kaum übersetzbare Wort^.morir-xroxi-s ist nicht umsonst ihrem Sprachschatz ange-hörig, und einer ihrer praktischen Philosophen hat ein ganzesSystem darauf gegründet. Wenn zu ihrer Auslegung vonRecht und Unrecht im Konflikt mit Deutschland doch etwasfehlte, so hat es ihnen Fürst Bismarck geliefert, indem er,nach seinem Rücktritt, dem Interviewer in Friedrichsruh seine Darstellung über die Verbreitung der Emser Depeschezum besten gab. Diese Version von der „gefälschten Depesche"ist seit jener Mitteilung der Angelpunkt für die französischeAuffassung der ganzen Kriegsentstehung geworden und hatdazu geführt, daß auch ganz Unbefangene überzeugt sind,Napoleon III. sei durch eine schlau angelegte Intrigue ineinen Hinterhalt gelockt und, um ihn aus demselben nichtmehr entrinnen zu lassen, sei zu guterletzt mit teuflischerBerechnung jene „Fälschung" vorgenommen worden. Sostehe denn fest, daß Deutschland in Wahrheit der angreifendeTeil gewesen sei.
II.
Der Moment, da die Augen der Welt nach Paris gerichtet sind, um das sich vorbereitende Schauspiel mit Re-flexionen zu begleiten, scheint nicht ungeeignet, auf ein Werkaufmerksam zu machen, welches sich in sehr interessanterWeise mit diesem Stoff beschäftigt. Offenbar angeregt durchdie zweifache, doch in sich zusammenhängende Geistesbewegung,welcher zugleich das russische Bündnis und die Wiederbe-lebung der Napolevnischen Epopöe entsprang, hat der Ver-fasser sich zur Aufgabe gestellt, die diplomatische Geschichteder vielgestaltigen Wechselbeziehungen zwischen dem ersten