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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
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Lehrtätigkeit kennen gelernt hatte, späterein Führer desschlesischen Liberalismus", Präsident der Preußischen Nationalver-sammlung von 1848 und schließlich preußischer Handeisminister, inwelcher Eigenschaft er die erste Aktienbank in Preußen (den Schaaff-hausenschen Bankverein) konzessionierte. Schulze Gaevernitz' früheKindheit im groß elterlichen Anwesen war umrauscht von Baumwoll-spindeln,deren Geräusch", wie er sagt,ihn heute noch soheimatlich berührt wie den Müllerssohn das Klappern der Mühle",verstohlene Blicke in die Spinnsäle und in das geheimnisvolleTreiben der weißgekleideten Spinnerinnen" gehören zu seinen frühe-sten Kindererinnerungen. Diese Stimmungen wirken in seinemGroßbetrieb", den er dem Andenken Carl August Mildes wid-mete, fort. Seine Kinder ließ Milde als die einesliberalen Katho-liken" erziehen, so wurde Schulze Gaevernitz' Mutter eineChristin straffster Selbstdisciplin, eine Puritanerin im besten Sinnedes Wortes".

Die Familie Schulze, wie sie damals noch hieß, übersiedelteim Jahre 1878 durch die Berufung Hermann Schulzes von Breslaunach Heidelberg, wo der junge Gerhart vielfache Anregungendurch den ausgezeichneten Direktor des dortigen humanistischenGymnasiums Uhlig erhielt. Von diesem Zeitpunkt ab wird ihmdas badische Land zur zweiten Heimat, an deren wirt-schaftlichen und kulturellen Fortschritt er aufs intensivste mitarbeitet.Nach Beendigung des Abiturientenexamens glaubt er, daß derStaatsdienst sein Lebensberuf sein müsse, er studiertdeshalb Rechts - und Staats Wissenschaften, zunächst inseiner neuen Vaterstadt Heidelberg, später in Berlin, Leipzig, Göt-tingen und wird so Schüler Bekkers, Gierkes, Brunners und auchSchmollers. Im Jahre 1886 besteht er i n C e 11 e das Referendar-examen, promoviert kurz danach in Göttingen zum Dr. jur.und beabsichtigt zunächst der juristischen Laufbahn treu zu bleiben.Bei der weltbürgerlichen Einstellung seiner Familie istsich Gerhart von Schulze Gaevernitz darüber klar, daß nur derBeamte wirklich berufen ist, den eigenen Staat zu verwalten, derseinen Horizont erweitert und in andern Ländern Erfahrungen ge-sammelt hat. Deshalb begibt er sich zunächst auf größereStudienreisen, die ihn nach England, Belgien, Frankreich undItalien führen.

Nach seiner Rückkehr wird er zum kaiserlichen Regierungs-referendar in Straßburg ernannt, und hier fallen dieWürfel seines Lebens. An der neuen deutschen Universitätzu Straßburg wirkt LujoBrentan o*), der, auf der Höhe seinesLebens stehend, sich als Meister der Sozialpolitik einen Weltruferworben hat. Zu ihm tritt der junge Referendar in engste Be-ziehungen, wird Schüler seines Seminars. Von Brentano beeinflußtbegibt Schulze Gaevernitz sich nach England, vertieftsich vornehmlich in die Probleme der englischen Sozialpolitik undwird gefesselt von der Persönlichkeit Arnold Toynbees, desselbstlosen Wohltäters der englischen Arbeiter. Der kaiserliche

*) Siehe Heft 5 dieser Sammlung: Lujo Brentano. Von Hans Neisser u. M. Palyi. M. 2..