11
Den Sommer verbringt Schulze Gaevernitz regelmäßig auf demim schönen Glatzer Lande gelegenen Familiengut Crains-dorf bei Neurode, wo er in einem Siedelungsunternehmen '22Proletariern „die eigene Scholle" verschafft. „Gleich Tolstoi undShaw" ist er „grundsätzlicher Vegetarier". Auf diese Tatsache ver-bunden mit regelmäßiger Gymnastik führt er seine Spannkraft undLebensbejahung zurück, durch die er „der Jugend ein Beispielzu geben bemüht" ist.
II. Der Politiker.
An die Spitze der Betrachtung, die wir dem Politiker üerhartvon Schulze Gaevernitz widmen wollen, könnten wir keine besserenWorte stellen als diejenigen, die Friedrich Naumann demFreunde zum 50. Geburtstage in seiner „Flilfe" in einem Artikel,den er „Politische Professoren" nennt, gewidmet hat: „Derfünfzigste Geburtstag meines Freundes, Abgeordneten Professor vonSchulze Gaevernitz in Freiburg veranlaßt mich, heute über politischeProfessoren zu schreiben, denn das ist das Besondere und Charakte-ristische an ihm, daß er politischer Professor in jenem alten, gutenSinne ist, in dem vor einem halben Jahrhundert noch fast alledeutschen Universitätslehrer sich persönlich und kräftig am Staats-leben und auch an der Parteipolitik beteiligten Das ist nicht
so zu verstehen, als ob nun unser Freund von Schulze Gaevernitzdas einzige Licht in solcher Düsternis sei, aber in der Tat, er isteiner von denen, die immer für den Staat gedachtund gearbeitet haben, ein Sohn und Enkel alter poli-tischer Idealisten, ein Jünger der Dichter und Denker vonvor hundert Jahren, die alle zusammen viel staatspolitischer warenals die Denker oder gar als die Dichter von heute. Seine Arbeitist vielseitig und hat ihre innere Einheit nur in diesem Staatsge-danken." Seine Lehrtätigkeit, seine Forschungsarbeit und sein poli-tisches Wirken haben von je im Zeichen des deutschenIdealismus gestanden, mit ihm bejaht er den Staat im kantischenPflichtgefühl. Wohl nur wenige deutsche Gelehrte sind so felsen-fest überzeugte Idealisten wie er und haben mit solchem Mut undsolcher Ehrlichkeit versucht, ihren Gedanken nachzuleben. In seinerSchrift über „Marx oder Kant" sagt er, daß „die Wahl derWeltanschauung nicht Sache des Wissens, sondern des Gewissens"sei, denn „jeder Mensch, groß oder klein", so ergänzt en den erstenAusspruch in seinem „Britischen Imperialismus", „Denker oder Täterist vor die Frage gestellt, ob er Werte anerkennt, die über seineigenes Dasein hinaus liegen, ob er Pflichten bejaht oder verneint,ob er dem Sein ein Soll überordnet, in dem der Zweck seinesSeins liegt". So wird das Axiom seiner wirtschaftlichenLehre „der Ueberwirtschaftsmensc h". Denn sein Zu-kunftsstaat ist nicht der, den Marx ersehnte, sondern dasReich Kants und Fichtes, in dem die „Freiheit eines jedenGliedes nur durch die Zusammenstimmung mit der Freiheit alleranderen eingeschränkt ist, in der niemand mehr Vorteile genießt,damit die anderen desto mehr entbehren müssen".