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Tische fanden sich Bekenner aller politischen Programme." (DieHilfe Nr. 4 vom 23. Januar 1913, S. 56/58.) In dem Hause dieserseltenen Frau, die einen Salon besaß, wie ihn Berlin nur zur ZeitRaheis kannte, lernt Schulze Gaevernitz viele bedeutende Männerkennen, die später seinen Lebensweg kreuzten, hier knüpft er auchdie enge Freundschaft mit Ludwig Frank. Seiner Ehe entsprossenzwei Töchter und ein Sohn Gero, der inzwischen bereits National-ökonom wie der Vater, nach seiner Promovierung zum Dr. rer. pol.sich als Bankvolontär in Amerika aufhält und in dem bekanntenBankhause Morgan Livermore zu New York arbeitet.
Schulze Gaevernitz' wissenschaftliches Wirken soll noch einereingehenden Betrachtung unterzogen werden, sein Forscherlebenwird im Jahre 1912 durch die Wahl in den Reichstag, demer bis zu dessen Auflösung 1918 als Mitglied der FortschrittlichenVolkspartei angehört, und später durch seine Zugehörigkeit zurNationalversammlung unterbrochen. Auch seine politische Tätig-keit muß ausführlich besprochen werden.
Der Ausbruch des Krieges ruft ihn zur Tat! DerFünfzigjährige will durch das Beispiel zeigen, daß die Staats-bejahung, die er fordert, in der Stunde der Not von jedermanndurch Opfer für das Vaterland bewiesen werden muß. So stellter sich, der nie Soldat gewesen, als gemeiner Mann einem Luft-schifferbataillon zur Verfügung, wird in Freiburg militärisch aus-gebildet und bereits Weihnachten 1914 zum Offizier befördert. Balddarauf wird er der Verwaltung Belgiens zugeteilt, woer sich speziell mit der Vlamenfrage beschäftigt. Aber auch dortbleibt er nicht lange, denn die deutsche Regierung betraut ihn mitwichtigen Spezialaufgaben, die ihn während des Krieges in die ver-schiedensten Länder, u. a. nach Bern, Riga und Konstantinopelführen.
Im Jahre 1922 legt Schulze Gaevernitz seine ordentliche Pro-fessur nieder, um sich mehr seinen Forschungsarbeiten widmen zukönnen, und wird von der badischen Regierung zum Honorar-professor ernannt. Vor allem begibt er sich wieder ^uf Reisen, dieihn verschiedentlich in das Ausland führen. Bei seinen ausgezeichnetenBeziehungen und seinem mannhaften Eintreten für eine Völkerver-ständigung während des Krieges war es ihm leicht, die durch denKrieg abgerissenen Fäden neu zu knüpfen. So kann er in Eng-land und 1924 in Amerika als Gastdozent verschiedener ameri-kanischer Universitäten, wie der Cornell-, Columbia- und Madison-University in seiner Eigenschaft als Vertreter der deutschen Kulturfür das Verständnis deutschen Wissens und deutscher Wünschewirken; sich selbst aber in die Probleme der neuen WeltmachtAmerika vertiefen. Im Winter 1925/26 hält er Gastvorlesungen ander Deutschen Hochschule für Politik, der Gründung seinesunvergeßlichen Freundes Friedrich Naumann. Seine Tätigkeit wirdgekrönt durch die vor kurzem erfolgte Berufung zum Direk-tor der wissenschaftlichen Abteilung des Institutsfür geistige Zusammenarbeit beim Völkerbund.