Druckschrift 
Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

Schulze Gaevernitz war als echter deutscher Idealist stets einDemokrat und gleichzeitig erfüllt von den Gedankendes deutschen Liberalismus, ohne je die Einseitigkeitender Manchesterlehre zu billigen. Seine erste politische Be-tätigung lag auf sozialpolitischem Gebiet, und je mehrer sich mit diesen Fragen beschäftigte, desto mehr lehnte erin vollem Bewußtsein den Marxismus ab, denn ihm warImmanuel Kant der Heros der klassischen Kultur Deutschlands. Ausdem Primat der praktischen Vernunft fließt ihm der Glauben andie Macht des Guten in der Welt und damit dieIdee des geschicht-lichen Fortschritts in der Richtung auf den überempirischen Wert".In diesem Sinne, sagt Schulze Gaevernitz, bedarfder wirtschaftlichwie politisch aufsteigende deutsche Arbeiter einer anderen Weltan-schauung als der hoffnungsferne Proletarier, den ein Marx auf-peitschte. Er bedarf einer Weltanschauung der Wertbejahunggegenüber der Wertverneinung, in welcher Marx wurzelt".

Wie Schulze Gaevernitz als Sozialpolitiker in den frühestenJahren seiner politischen Wirksamkeit dachte, können wir einerBesprechung entnehmen, die er demBericht der von industriellenund wirtschaftlichen Vereinen nach England entsendeten Kommis-sion zur Untersuchung der dortigen Arbeitsverhältnisse" widmete:Günstige Arbeiterverhältnisse liegen für mich dort vor, wo sich derArbeiter nicht außer-, sondern innerhalb der Ge-sellschaft, nicht als ihr Feind, sondern als ihr Glied fühlt, sehr.günstige dort, wo ich den Arbeiter und insbesondere den in derArbeiterbewegung einflußreichen Führer sich mit Stolz den Bürgerseines Vaterlandes nennen höre". So schrieb er im Jahre 1890,sein sozialpolitischer Grundgedanke war und blieb:dieEinarbeitung der sozialdemokratischen Arbei-termasscn in die bestehende Gesellschaft, wirtschaft-lich durch Gewerkschaften, politisch durch Demokratie". Wieanders wäre es um unsereinnere Front" im Weltkriege gestanden,wenn man den von Schulze Gaevernitz empfohlenen Weg derSozialpolitik rechtzeitig beschritten hätte!

Seine Stellungnahme zur Handelspolitik, die heutein den Tagen, da uns wieder die Fragen des Schutzzolls aufs stärksteinteressieren, besonders aktuell ist, läßt ihn aufderSeitederFrei-h ä n d 1 e r stehen, ohne daß er den Freihandel bis zum Aeußerstenverlangte. Gelegentlich der Verhandlungen des National-sozialen Vereins, den Naumann in den neunziger Jahren be-gründet hatte, und dem sich Schulze Gaevernitz frühzeitig anschloß,über die deutsche Handelsvertragspolitik im Sep-tember 1898 hielt er das einleitende Referat, in dem er das Programmeiner autonomen Schutzzollpolitik, insbesondere das der Getreide-zölle, unter Kündigung der Handelsverträge verwarf. In seinendamals aufgestellten Thesen hieß es, daß ,,a) in Rücksicht auf diegroße Mehrzahl des deutschen Volkes, insbesondere die arbeitendenKlassen als Konsumenten; b) in Rücksicht auf die deutsche Industrie,welcher die Produktionskosten verteuert und Absatzgebiete ver-schlossen würden, indem das Ausland sicherlich in der Erhöhung