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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
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der Zölle uns nachfolgte; c) in Rücksicht auf die große Mehrzahlder deutschen Landwirtschaftsbetriebe, welche entweder mehr Ge-treide kaufen als verkaufen, oder wenigstens keinen Getreideüber-schuß auf den Markt bringen; d) in Rücksicht auf die wünschens-werte Vermehrung der ländlichen Klein- und Mittelbetriebe, derenAusbreitung auf Kosten des Großgrundbesitzes durch eine Erhöhungder Getreidezölle verlangsamt würde", diese abgelehnt werdenmüssen, denn durch sie würde dasBündnis zwischen ostelbischemRittergut und rheinischem Hochofen" besiegelt.

Schulze Gaevernitz' häufige Reisen in das Ausland und diea usgedehnten Verbindungen, die er dort gewann, hielten ihn trotzseines stark ausgeprägten und stets betonten National-bewußtseins von jeglichem Nationalismus fern. EineStelle in seinenRussischen Reisebriefen", die er von seiner erstenRußlandreise 1892 in die Heimat sandte, zeigt uns, wie bewußt erdiese Auslandsreisen durchführte.Der Deutsche", so schreibt er,muß heute heraus, und es ist die Kenntnis des Auslandes mit einerder besten Dienste, den man seinem Vaterlande leisten kann". Fastprophetisch mutet uns die Fortsetzung dieses Briefes an, wenn esin ihm heißt:Es wurde mir recht schwer... die Reise zu unter-brechen, da sich mir eben eine völlig neue Welt zu .erschließenbegann eine Welt, deren Entwickelung im nächsten Menschen-alter uns Deutsche sehr beeinflussen kann".

Trotz der jahrelangen intensiven politischen Betätigung hatSchulze Gaevernitz ernstlich mit sich gerungen, als der Ruf an ihnerging, sich als Reichstagskandidat aufstellen zu lassen. Er fragtesich, ob er bei seiner wissenschaftlichen Einstellung berechtigt sei,nun als aktiver Politiker zu wirken. Erst Max Weber konnte ihndazu bestimmen, der Aufforderung zu folgen. Nach einem hartenWahlkampf wurde er Ende Januar 1912 als Abgeordneterfür den Wahlkreis Baden V (Fr ei bürg i. Br.) mit 16 668gegen 15 603 Stimmen, die für den bisherigen Freiburger Abge-ordneten, der dem Zentrum angehörte, abgegeben wurden, gewähltund schloß sich der Fortschrittlichen Volkspartei an. Wenn auchSchulze Gaevernitz niemals im Reichstage Gelegenheit hatte, eineüberragende politische Rolle zu spielen, konnte er doch bei einerReihe wichtiger Fragen sehr tatkräftig eingreifen, und dank seinerBedeutung als Wirtschaftswissenschaftler einen maßgebenden Ein-fluß ausüben. Im Jahre 1913 beschäftigte er sich in einer Reichs-tagsrede mit der Ernährung Deutschlands im Kriegsfall, er be-kämpfte den Identitätsnachweis für das Getreide und forderte dieWiedereinführung zollfreier Läger. Er wandte sich vor allem gegendie Getreideausfuhr, die in dem Jahre vor Kriegsausbruch in dieHunderte von Millionen ging und befürwortete die Auffüllung derLäger durch den Handel. Als Berichterstatter der Lcuclit-ölkommission befürwortete er die Einführung des Reichs-handelsmonopols für Leuchtöl zur Versorgung des Heeres und derMarine mit Benzin und Schweröl und den Erwerb von Rohstoff-quellen im Auslande durch das Reich.