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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
Entstehung
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Die politische Arbeit ruht auch während des Kriegesnicht, im Gegenteil, sie wächst mit der Bedrängnis Deutschlands.Während seiner Fliegertätigkeit verfaßt er das erste vielfachnachgeahmte politische Fliegerflugblatt, gegen das sichin der französischen Presse lebhafte Angriffe erheben. Er bekämpftin Wort und Schrift die Fliegerangriffe auf Universitäts- und Lazarett-städte und erreicht es, daß seine Bemühungen Sympathieerklärungender englischen Bischöfe im Oberhause hervorrufen. Wir erwähntenschon im ersten Kapitel die verschiedenen politischen Missionen, mitdenen man Schulze Gaevernitz während des Krieges beauftragte. Soverhandelt er im Jahre 1915 in Bern im Auftrage der deutschenRegierung mit dem Senator Ermant, dem Bürgermeistervon Laon, wegen der Verproviantierung des von denDeutschen besetzten französischen Gebietes durch dieNeutralen und bewirkt es, daß diese Verpflegungsmaßnahmen inKraft gesetzt werden, die bis zum Ausgang des Krieges bestehenbleiben.

Noch im selben Jahre wird Schulze Gaevernitz der Verwal-tung Belgiens zugeteilt und widmet sich ganz besondersden komplizierten ethnologischen Problemen. Er vertieft sichin die Vlamenfrage, befürwortet die Verwaltungstrennungzwischen Vlamen und Wallonen und arbeitet infolgedessen starkan der Gründung der vlämischen Universität in Gent mit. In einemAufsatzDie Vlamen" behauptet Schulze Gaevernitz, daß das Belgienvon heute keine völkische Einheit sei, sondern seine Existenz demdiplomatischen Ränkespiel zwischen England und Frankreich ver-danke.Wallonien ist sprachlich wie kulturell ein Stück Frank-reichs dagegen sind die Vlamen zwar nicht Deutsche, aber die

den Deutschen zunächst Verwandten aller Germanen." Trotz dieserFeststellung hat er stets in schärfster Form jede auch nurverhüllte Art einer Annexion Belgiens bekämpft, ebensohat er sich mit allen Mitteln gegen die Zwangsdeportationbelgischer Arbeiter nach Deutschland gewandt. Es gelingtihm mit Unterstützung des Staatssekretärs Zimmermann diese Maß-nahme rückgängig zu machen. Ueber die Kurzsichtigkeit diesermilitärischen Anordnungen steht das Urteil heute wohl ziemlichfest. Wie wenig aber die Militärs von Politik verstanden, bewiesensie durch die Vertreibung derjenigen Belgier aus ihrem Heimatlande,die Deutschland mehr als andere wohlgesinnt waren und manchmalauf die bloßen Angaben der belgischen Polizei zur Zwangsarbeitabgeführt wurden. Kritik war dem militärischen Regime höchstunbequem. Unangenehme Kritiker wurden mundtot gemacht, dassollte Schulze Gaevernitz bald merken. Der bekannte belgischeSozialistenführer und heutige Minister Anseele, derin Gent geblieben war, hatte ihm eine ausführliche Eingabe an dendeutschen Reichskanzler übergeben, in der er sich über die Zwangs-entführung der belgischen Arbeiter beschwerte. Dieses Schreibenwar durch Schulze Gaevernitz dem Reichskanzler Bethmann-Hollwegund von diesem an den belgischen Generalgouverneur weitergeleitetworden. Daraufhin wurde Schulze Gaevernitz von der zuständigen