38
G. v. Schulz e-G a evernitz, Die deutsche Kreditbank.
II
Zweiter Teil.
Bankgeschäfte.
I. Das „reguläre" Geschäft.
III. Kapitel.
Das passive Bankgeschäft: »Fremde Gelder«.
A. Fremde Gelder — Depositen.
Hinsichtlich der einzelnen Bankgeschäfte gehen wir von der juristischen Formaus und bedienen uns der begrifflichen Vorarbeit der Rechtswissenschaft, ohnejedoch bei ihr stehen zu bleiben; wir unterscheiden z.B. juristischen und wirtschaft-lichen Begriff des Wechsels, des Reportgeschäfts usw.
Das Geschäft, aus welchem sich alles Bankwesen entwickelt hat, ist das Auf-bewahrungsgeschäft — zunächst das eigentliche Aufbewahrungsgeschäft der Gold-schmiede an Pretiosen. Ihm folgt das dem Darlehen nahe verwandte uneigent-liche Aufbewahrungsgeschäft, bei dem aufbewahrtes Edelmetall nur in generezurückerstattet werden muß. Das Bankgeschäft entsteht dort, wo der Vertrag zwi-schen Aufbewahrer und Einleger dem ersteren die freie Verfügung über die Einlagen,also auch ihre Verwendung zur Kreditgewährung, gegen jederzeitige oder kurzkündbare Rückziehbarkeit gewährt: „Depositum irreguläre". BGB. 700. DasBankgeschäft entwickelt sich um so reiner, je mehr die „fremden Gelder"zum eigentlichen Betriebsfond werden, wogegen das Eigenkapital in die Rolle derReserve zurücktritt. Diese Entwicklung zeigt sich im deutschen Kreditbankwesen:Das Verhältnis von „fremden Geldern" zum Eigenkapital — Anfang der siebzigerJahre noch 3 zu 4 — hat sich heute auf 4:1 verschoben. Die Gesamtsumme der„fremden Gelder" dürfte bei den deutschen Kreditbanken heute auf mehr als 12 Mil-liarden Mk. zu schätzen sein 1 ).
Der Vergleich deutscher Ziffern mit den noch erheblich höheren „fremdenGeldern" der englischen Depositenbanken ist irreführend, schon wegen Buchungs-verschiedejiheiten. In England bucht man Kreditdepositen als „fremde Gelder",nicht so in Deutschland. Hierzu kommt das in England bestehende „Einbecken-system", dem Deutschland das „Mehrbeckensystem" gegenüberstellt. England läßtdie „fremden Gelder", aus welcher Quelle sie auch stammen mögen, weit über-wiegend bei den Depositenbanken zusammenfließen; Deutschland leitet die Ein-lagen je nach ihrer Herkunft bald in die Kreditbanken, bald in die Sparkassen oderin die Kreditgenossenschaften. Immerhin ist die stärkere Depositenkraft der eng-lischen Banken auch heute noch Tatsache. Besteht doch in Deutschland ein bank-mäßiger Einlageverkehr größeren Stiles eigentlich erst seit der Entwicklung des
Vgl. Rieß er, Die deutschen Großbanken. 4. Autlage. Jena 1912. S. 175. J a f f d',Das englische Bankwesen. 2. Auflage. Leipzig 1910. S. 195, 355. Glauert, Depositen-bildung in England und Deutschland (Jahrb. f. Nat.-Oekon. und Statistik. III. Folge, Bd.7, S. 803, 819, 821).