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liehen Bevölkerung wiederholt und z. B. die geringe Aus-nutzung der Wasserkräfte der österreichischen und bayerischenAlpenländer gegenüber dem schon im Mittelalter städtischerenSchwaben und der Schweiz erklärt h In Rufsland ergiebt sichhieraus folgender Widerspruch: bei guten Ernten schwillt dieNachfrage nach Industrieprodukten an, denn die Bauern habenGeld. Aber gerade dann fliefsen die Arbeiter ab, weil sie denindustriellen Verdienst im Augenblick nicht notwendig haben;daher gerade in solchen Zeiten ein oft unerträglicher Arbeiter-mangel. Hohe Löhne vermögen hiergegen wenig; denn derrussische Arbeiter ist zufrieden, wenn ihm das gewohnheits-mäfsige Dasein gesichert erscheint. Nur der Hunger zwingtihn zur Arbeit. Während in Westeuropa sich die ÜberzeugungBahn gebrochen hat, dafs der bestgenährte Arbeiter auch derleistungsfähigste ist, kann man von russischen Fabrikanten oftgenug die vielleicht nicht immer unbegründete Meinung hören,der satte Arbeiter sei faul 2 .
Einen Einblick in das Denken und Fühlen der mittel-russischen Fabrikbevölkerung gewährt ein im Moskauischenverbreitetes Arbeiterlied 3 , von dem ich einige Verse anführe:
Blüh'nder Sommer nun entschwand,
Kalter Winter zieht ins Land.
Heifsa, sause, Schlitten sause,
Winterfrost naht Feld und Hause.
Unter Winterfrostes BannePrefst das Herz sich armem Manne.
Mitternacht steigt kaum hernieder,
Eilet zur Fabrik er wieder.
1 „Der Tiroler," sagte mir kürzlich ein aus Tirol gebürtigerKollege, „hält das Gefängnis für ehrlicher als die Fabrik."
2 Es erinnert dies an die in meinem „Grofsbetrieb", Einleitung,behandelte Kontroverse der Engländer des vorigen Jahrhunderts undbegründet die dort aufgestellte Meinung, dafs es sich um einepsychologische Entwicklung handle, welche entgegengesetzte Meinungenerklärt.
3 Rosenberg a. a. 0. S. 75.