— 155 —
werte zeigt, immerhin in der Richtung des Fortschritts auchfür den Arbeiter gelegen, weil sie eine Anpassung seinerLebensweise an die veränderten Lebensbedingungen vorbereitet.
Wir lernten die Schlafsäle, die Speiseräume und dieKüchen der russischen Fabrikarbeiter kennen. Es erübrigtnoch, einer anderen Örtlichkeit zu gedenken, zu welcher sichder Westeuropäer so sehr als Individualist verhält, dafs zeit-weiser Alleinbesitz für ihn geradezu Bedingung der Benutzungist. In Rufsland untersteht auch dieser Ort einem weitgehen-den Gemeinschaftsleben. Ich erinnere mich meines Staunens,als mir in einer der bekanntesten Moskauer Fabriken derBesitzer hinter einem Vorhang, den er ein wenig zur Seiteschob, einen Anblick zeigte, wie er für die Verschiedenheitder westeuropäischen und russischen Fabrikarbeit nicht be-zeichnender gedacht werden kann. Ich erblickte ein Massen-abort, gleichzeitig besetzt von etwa 60 bis 70 Personen beiderleiGeschlechtes, der augenscheinlich zugleich als Rauch- und Kon-versationszimmer diente.. Es wurde in gemeinsamer Sitzung ge-schwatzt, gescherzt, gelacht; unter einer halben Stunde kehreniemand zurück, versicherte mein Begleiter, und diese Gewohn-heit seiner Arbeiter zwinge ihn, mehrere Dutzend von Ersatz-arbeitern zu halten. Sehr bald bemerkte ich, dafs die Be-schaffenheit der bezeichneten Ortlichkeit und ihre Benutzungs-weise durch die Arbeiter allgemein einen Schlufs auf die Stufegestattete, bis zu welcher in einer gegebenen Fabrik die An-näherung des Arbeiters zum europäischen Typus vorgeschrittenwar. Sehr oft ist jene Örtlichkeit der Tummelplatz der Kinder,und nur in wenigen fortgeschrittensten Fällen fand ich jeneAusschliefslichkeit der Nutzung, welche wir für selbstverständ-lich halten — sie taucht auf erst mit der kleinen, westeuropäi-schen Familie.
3. Die Bildung einer besonderen Arbeiterklasse und dieLoslösung des Arbeiters vom Lande vollzieht sich in demMafse, als ihm die Fabrik ein familienhaftes Dasein ermög-licht. Voraussetzung hierfür ist die Ausdehnung der Frauen-arbeit. Auch für Westeuropa möchte ich die gewerblicheFrauenarbeit an sich keineswegs beklagen, vielmehr nurwünschen, dafs die verheiratete Frau und Mutter kleiner