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Kinder der Erwerbsthätigkeit enthoben sei. Aber dies wirdam ehesten ermöglicht durch die Ersparnisse, welche sie beiden hohen Löhnen einzelner englischer und amerikanischerGrofsindustrien als Mädchen machen konnte; ökonomisch un-abhängig, ist sie in der Lage, den Eheschlul's nicht zu über-eilen.
Die geringe Ausdehnung der Frauenarbeit in der rus-sischen Industrie ist weder als wirtschaftlicher, noch alssocialer Vorzug anzusehen, wie denn gerade die fortge-schrittenste russische Industrie, die Baumwollindustrie, es ist,welche die Frau in wachsendem Mafse in die Fabrik ein-gliedert. Für die Moskauer Baumwollindustrie betrug derProzentsatz der beschäftigten Frauen in den achtziger Jahren42,9 °/o (in der englischen Baumwollindustrie dagegen 62%),im einzelnen für die mechanische Weberei 52,8 %, für dieSpinnerei 46,8 °/o 1 , für die Druckerei nach Janschull 27,4%.In den andern, der Baumwollindustrie gegenüber ökonomischrückständigen Textilgewerben, welche sich ihrer Natur nachnicht minder für Frauenarbeit eignen, z. B. in der Seiden-und der Wollindustrie, überwiegt die Zahl der Männer inRulsland noch bedeutend; nach Erisman betragen die Pro-zente der in ihnen beschäftigten Frauen 38 und 28 %.
Aber die Frauenarbeit bedeutet für Rufsland einen Kultur-fortschritt. Wo wenig Frauenarbeit vorhanden ist, da führendie Männer jenes oben geschilderte, kulturell tiefstehendeMassendasein in Artellen; sie wandern und wechseln die Be-rufe. In denjenigen Industrien dagegen, in denen die Frauen-arbeit bereits stark entwickelt ist, werden die Arbeiterver-hältnisse stetiger 2 . Auch die gesetzliche Beschränkung derArbeitszeit für Kinder — eine der wichtigsten Voraussetzungenfür die Ergänzung des Arbeiterstandes aus sich heraus — führtzur Vermehrung der Frauenarbeit 8 .
1 Wir entnehmen diese Ziffern Erisman in der öfters citiertenStatistik des Moskauer Gouvernements. Bd. IV. Teil I. S. 206.
2 Vergl. Erisman a. a. 0. S. 292, 297.
8 Vergl. Janschulls Bericht als Fabrikinspektor. St. Petersburg
1886. S. 52.