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an Zeit und Material stets gröfser, als bei den fabrikbürtigenArbeitern. Einer der von Herrn Scheikewitsch befragtenFabrikanten schätzt diesen Unterschied auf 20—25 Prozent.Nach der interessanten Aufserung dieses Zeugen hat die Ver-kürzung der Arbeitszeit auf die Arbeitsleistung der Bauernkeinen Einflufs, dagegen zeigt im gleichen Falle der fabrik-bürtige Arbeiter jene aus Westeuropa bekannte Steigerung derArbeitsintensität.
Aber die geschilderte Entwicklung ist auch im Interesseder Arbeiter. Wo die junge Generation in der Fabrik zurück-gehalten wird, tritt an Stelle des Artells die individualistischeFamilie des westlichen Europas . Dafür, dafs auch der rus-sische Arbeiter Europäer wird, ist nichts bezeichnender, alsdie von allen Zeugen einstimmig berichtete Thatsache : dieArbeiter fliehen die Artelle 1 . Freilich ist die Sonderexistenzder Einzelnen immerhin noch gering. Zwar verzichtet derFabrikant nunmehr auf die grofsen Schlafsäle und baut dieKasernen so, dafs in jedem Stockwerk das Gebäude der Längenach von einem Korridor durchzogen wird, von dem autbeiden Seiten einzelne Stuben abgehen. Aber in jeder solchenStube wohnen noch mehrere Familien zusammen, gewöhnlichje vier, wie die in jeder Ecke stehenden riesigen Familien-betten dem Besucher beweisen. Öfters fand ich die Zahl derin einem Zimmer hausenden Familien auf zwei beschränkt;in letzterem Falle waren die beiden hinteren Ecken der Stubeden Betten vorbehalten, die beiden vorderen, am Fenster ge-legenen Ecken dagegen mit Heiligenbildern und einer brennen-den Lampe geschmückt. In diesen Stuben und Korridorenwimmelt es nunmehr von Kindern; die kleinen hängen häufig inWiegen von der Decke herab; trotz aller störenden Gerüchebietet das Bild einen immerhin viel menschlicheren Anblick, alsjene öden Schlafsäle der Wanderarbeiter, in denen übermüdeteGestalten auf schmutzigen Schafpelzen sich wälzen. Mit demFamilienleben beginnt die Lust an dem kleinen Schmuck desDaseins; die Wände sind oft mit Buntdrucken bedeckt, welche
1 So unter andern Janschull, Moskauer Fabrikleben. S. 95.