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Man kann diese Minderernährung des Mannes bedauern;man bedenke aber, dafs ihr eine bessere Ernährung der Frauund der Kinder gegenübersteht; auf der Stufe des Artelldaseinsist die Ernährung der weiblichen und jugendlichen Arbeiter völlig-unbefriedigend. Ferner darf man den psychologischen Gewinn desFamiliendaseins nicht vergessen. Mit der gewohnheitsmäfsigenLebenshaltung fallen die Grenzen des gewohnheitsmäfsigenGenügens. Weitere Wünsche und neue Kulturbedürfnisse er-wachen im Arbeiter, und es wird damit erst die geistige Vor-aussetzung eines späteren Aufsteigens durch eigene Kraftgegeben. Wäre die Arbeiterbewegung des Westens, alles inallem doch eines der wichtigsten Kulturelemente unserer Zeit,auf dem Boden des Gewohnheitsmäfsigen geworden?
Überblicken wir das Gesagte, so erscheint es unverständlich,wie der Verfasser des öfters citierten Aufsatzes „das KontorKnoop und seine Bedeutung" der Moskauer Spinnerei — denndiese ist doch das Lebenswerk Knoops — vom Gesichtspunktedes Arbeiterinteresses aus einen Vorwurf machen kann.Gewifs sind die in der Moskauer Spinnerei herrschendenVerhältnisse weit entfernt vom Ideal. Aber nach der Lektürevon Peskoff, Janschull, Erisman und Swjatlowski ist dochunzweifelhaft, dafs in der Mehrzahl der Moskauer Klein-betriebe, z. B. in den noch sehr verbreiteten Handwebereien,wahrscheinlich auch in den kleineren und wenig kapital-kräftigen mechanischen Betrieben des östlichen Wladimirs, dieLage der Arbeiter viel unerfreulicher ist, als in den aufSpinnerei fufsenden Grofsbetrieben. Beweis hiefür — und nicht,wie man gewollt hat, Beweis des Gegenteils — sind die geradein den Moskauer Grofsbetrieben häufigen, oft gewaltsamenArbeiterunruhen: nur ein Arbeiter, welcher leidlich genährtist, besitzt Kraft und Lust zum Widerstande, ist doch auchin Westeuropa der Strike gerade die Waffe der besser be-zahlten Arbeiterklassen, während die unteren Schichten derArbeiterwelt ihr Elend am wehrlosesten, meist auch amschweigsamsten ertragen.
4. Aber das geschilderte System, wie es die MoskauerGrofsbetriebe verkörpern, hat wahrscheinlich schon seinen
v. Schulze-Gaevernitz, Studien a. Rufsl. 11