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der inneren wie der äufseren Politik des Zarenreichs. KatkoffsVersöhnung mit dem jüngeren Aksakoff, die Bekehrung derbis dahin freihändlerischen „Moskauer Zeitung" zum Schutz-zoll, der Regierungsantritt Alexanders III. bezeichnen aufserlichdiesen Umschwung.
Den Kern seines Gedankeninhalts verdankte der russischeNationalismus jedoch auch damals den älteren Slavophilen. DerFreundeskreis, welcher sich unter dem Namen der „Slavo-philen" in den vierziger und fünfziger Jahren in Moskau zu-sammenfand, stand in engem Zusammenhang mit der deutschenR omantik. Ausdrücklich hat dies der eigentliche Begründerder slavophilen Lehre, Ivan Wassiljewitsch Kirejewski, be-tont; auch waren die Mitglieder dieses Kreises sämtlich aufdeutschen Universitäten gebildet 1 . Die Verhältnisse, in denensie lebten, prägten diesen älteren Slavophilen eine doppelteEigentümlichkeit auf. Das Rufsfand des Kaisers Nikolaus wareine absolute Militärmonarchie; die Grundlage des Staates warder naturalwirtschaftliche Bauer. Demgegenüber war die Zahlderer, welche lasen und schrieben, verschwindend — eigentlichnur der von westeuropäischer Bildung berührte Teil des Land-adels, soweit er nicht als Beamter oder Offizier in Anspruchgenommen war. Der geringe Umfang der in Betracht kommen-den Kreise, deren Kämpfe das Volk nicht berührten, ermög-lichte enge Beziehungen der Gesinnungsgenossen und plan-volle Arbeitsteilung innerhalb der kleinen litterarischen Zirkel.So übernahm Ivan Kirejewski die philosophische, KonstantinAksakoff die historische, Alexei Chamiakoff die theologischeSeite der neuen Lehre. Hierauf beruht die einheitliche Ge-schlossenheit des slavophilen Gedankensystems.
Die Regierung, eifersüchtig bestrebt, das alte Rufsland zu er-halten, beschränkte damals noch die litterarischen Kreise auf dasWolkenkuckucksheim der Gedanken. So war der Slavophilis-mus anfänglich eine unpolitische Richtung; daher konnte man
1 Vergl. den Aufsatz von Prof. Winogradoff in den philosophi-schen Fragen, Heft 11: „J. W. Kirejewski und der Beginn der Slavo-philen", besonders p. 117—120.