trug. Schüler der deutschen Rechtsschule, preisen sie diegewohnheitsmäfsigen Institutionen jener Zeit gegenüber demformalen Recht der späteren Periode. Sie preisen die Be-dürfnislosigkeit jener Zeit, die das Streben nach Reichtumnicht gekannt habe. So sagt Walujeff: „Wenn wir unterKultur nicht nur eine äufsere Verbesserung des Daseins ver-stehen, sondern die gesamte geistliche und sittliche Bewegung,welche die Völker vereinigen soll zu einer Einheit brüder-lichen Lebens, dann ist es sehr zweifelhaft, welches mitgröfserer Gerechtigkeit wir gebildet nennen können, dasRufsland des 15. und 16. Jahrhunderts oder das gegenwärtigekatholische und evangelische Europa " L
Freilich mufsten die Slavophilen den Schleier märchen-hafter Romantik um die damals noch wenig- bekannte Ge-schichte des älteren Rufslands werfen, um in ihr die Herrschaftchristlicher Moralprinzipien aufzuweisen. Trug nicht der ge-waltigste der „Moskauer Zaren", Iwan IV. , in der Geschichteden Namen der „Schreckliche" in Erinnerung an jene vonihm hingerichteten 60 000 Nowgoroder, deren Handelsgröfseund Freiheitssinn ihm unbequem waren? War doch das Volk da-mals zu Tausenden entlaufen, um in den Steppen des Südens alsKosakenschaft ein lebender Protest zu sein gegen das angeblichdem christlichen Ideal so nahe gekommene Moskauer Zarentum.
Neben der Vergangenheit diente den Slavophilen „dasVolk" zum Belege ihrer Anschauungen, zum Gegenstandeder Verherrlichung. „Das vergangene Rufsland lebt nochheute im Volke, in ihm allein ist das wahre Rufsland, dasRufsland von heute, welches direkt an das Rufsland vongestern anschliefst," sagt K. Aksakoff. Aus der Tiefe desVolkes allein seien wahre Kultur- und dauernde Rechts-gedanken zu schöpfen. Das Volk sei der bleibende Stamm,der tief im Erdreich wurzele, die gebildeten Klassen die vonihm ernährten, vergänglichen Blätter.
Das Volk aber sei der Bauer. Nicht nur der Zahl nach
1 Vergl. Pipin, Charakteristiken der Litteraturmeinungen p. 287,zweite Auflage. Petersburg 1890.