Druckschrift 
Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
Seite
190
Einzelbild herunterladen
 
  

Ausdehnung der westlichen Bildung das Volk allmählich zueuropäisieren, nach Ansicht der Slavophilen zum notwendigenFehlschlagen vei-dammt.Durch litteräre Meinungen die ein-gewurzelten Uberzeugungen des Volkes zu verändern, ist eben-so leicht, wie durch einen abstrakten Gedanken den Knochen-bau eines lebenden Organismus zu verändern" dieser Satzist der an die deutsche Romantik anklingende GrundgedankeKirejewskis. Gelänge der Versuch, das Volk zu europäisieren,so wäre dies das Ende des Volkes selbst.Denn was ist einsolches Volk anders, als der Betrag von Überzeugungen,die mehr oder weniger in seinen Sitten und Gebräuchen, inseiner Sprache, seinen Gefühls- und Verstandesauffassungen,seinen religiösen und gesellschaftlichen Beziehungen, mit einemWort in der ganzen Fülle seines Lebens zum Ausdruckkommen 1 ?"

War diePetersburger Periode" eine Zeit der Fremd-herrschaft, so glauben die Slavophilen selbst eine neue Periodeder russischen Geschichte einzuleiten: dieRückkehr zu demMütterchen Moskau" 2 , die Rückkehr zu den durch Moskaus Namen vertretenen altrussischen Grundsätzen. Indem manlediglich die Annahme der europäischen Technik und Natur-wissenschaft zuläfst, um Rufsland gewerblich und militärischvon Europa unabhängig zu machen, verlangt man Abschlufsnicht nur gegen europäische Industrieprodukte, sondern auchgegen europäische Gedanken.

Indem die europäische Bildung aber die einzig vorhandenewar, stellte sich dieser Kampf als ein Kampf gegen Bildungüberhaupt dar. Denn es war ein Rezept, das Kirejewskileichter aufstellen, als seine Nachfolger verwirklichen konnten,die slavische Philosophie der Zukunft aufzubauen auf denbyzantinischen Kirchenschriftstellern."

Die Slavophilen predigten zunächst den Kampf gegenEuropa in Rufsland, also auch den Kampf gegen das west-

1 Werke II, 3335.

2 Ähnlich verherrlicht Katkoff Moskau, z. B. bereits 1865.Mosk. Nachr." 182.